ZUM TAGE

Vereinspolitik ist Spielern ziemlich egal

von Redaktion

Lehren aus Hoffenheims Höhenflug

Derzeit verwischen Fußball-Interessierte ihre digitalen Spuren, löschen Beiträge, die sie im Sommer 2025 auf Social-Media-Plattformen veröffentlicht haben. Bevor die Bundesligasaison 2025/26 losging, war für viele klar: Die TSG 1899 Hoffenheim ist ein Abstiegskandidat. Weil: Christian Ilzer, der Trainer, war aus dem letzten Jahr angeschlagen. Die verdiente und loyale Offensivkraft Andrej Kramaric hatte den eigenen Verein mit einem Vergleich aus der Fäkalsprache bedacht. Der Sportchef Andreas Schicker, noch nicht lange im Amt, schien schon wieder auf dem Absprung zu sein, und im Verein tobten bizarre Machtkämpfe, langjährige Geschäftsführer wurden gefeuert, mit dem einflussreichen Spielerberater Roger Wittmann kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung wegen eines gegen ihn ausgesprochenen Hausverbots. Man zählte das alles zusammen, und es war klar: Unter diesen Umständen kann eine Mannschaft keine gute Leistung bringen.

Doch die TSG ist Dritter, ja eigentlich Co-Tabellenführer des FC Bayern, weil sie, seit dem sechsten Spieltag gerechnet, genauso erfolgreich spielt. Nun ist sie der nächste Herausforderer der Münchner – das erinnert ans Jahr 2008, als die TSG sich als Neuling an die Bundesligaspitze setzte, Vedad Ibisevic als Vorbote des Ein-Tor-pro-Spiel-Mittelstürmers die Vorlagen von Chinedu Obasi und Demba Ba ins gegnerische Netz hämmerte und die internationale Presse im Kraichgau einfiel, um die Fachwerkhäuser zu fotografieren und mit dem örtlichen Pfarrer über das Wunder vom Dorfclub zu sprechen.

Was können wir schlussfolgern aus dem Höhenflug 25/26 wider alle Erwartung? Dass Fußballern vermutlich komplett egal ist, was sich um sie herum vereinspolitisch abspielt – oder die Gemengelage in Sinsheim so kompliziert ist, dass niemand sie ohne Studium der TSGologie versteht. Die kuriosen Ansprachen von Trainer Ilzer, der vor der Mannschaft einen Dildo schwenkte, um Härte einzufordern, oder sich als Koch verkleidete, der Zutaten abmischt, scheinen Fußballer zumindest nicht zu irritieren; vielleicht hat sich der umworbene Tim Lemperle, bekannt von seiner Rheinschiff-Eskapade zur 1. -FC-Köln-Zeit, sogar wegen Ilzer für Hoffenheim entschieden.

Neue Theorie: Die Hoffenheimer spielen unbeschwert auf, weil sie gar nicht wissen, wie gut sie sind. Am Samstag blickten sie auf viele leere Plätze (offiziell und geschönt waren 19000 Leute gegen Union Berlin) da, sie denken sich: Wir stehen wohl irgendwo im Mittelfeld. Denn auf die Tabelle schaut vor dem 34. Spieltag kein Spieler. Sagen sie zumindest immer, und dann wollen wir das glauben.

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