Gibt ihr Halt: Hündin Nala. © Instagram
Das Laufen klappt, das Schießen nicht immer – trotzdem rechnet sich Selina Grotian Chancen aus. © Bachun/Imago
Vor den beiden Weltcup-Rennen in Ruhpolding war für Biathlon-Hoffnung Selina Grotian klar: Entweder es springen zwei Top-15-Platzierungen heraus oder der Italien-Traum ist geplatzt. Mit Rang 15 (Sprint) und Platz 13 (Verfolgung) sprang die 21-Jährige im letzten Moment auf den Olympia-Zug.
Beschreiben Sie uns doch mal die Minuten, als Sie in Ruhpolding im Sprint auf Platz 15 liegend die letzten Läuferinnen im Ziel verfolgt haben…
Das war ein zittriges Warten (lacht). Ich habe daheim angerufen, da meine Familie das Rennen im TV besser im Blick hatte als ich vor Ort. Irgendwann kamen die Betreuer zu mir und meinten, dass eigentlich nichts mehr schiefgehen sollte.
Einen Tag später haben Sie die Olympia-Norm geknackt…
Zuerst bin ich zu meinem Papa und meinem Bruder gerannt, habe die beiden in den Arm genommen und vor Freude angefangen zu weinen.
Wie haben Sie den Trubel ausgeblendet?
Meine Gelassenheit hat mir geholfen. In Ruhpolding hat mir vor allem auch meine Zimmerkollegin Sophia Schneider gutgetan.
Inwiefern?
Sie hat in Oberhof gemerkt, dass irgendetwas anders ist. Es war auch nicht mehr schön, ich konnte kaum schlafen. Die Gespräche mit Sophia haben enorm geholfen. Mit Kniffel spielen und Filme schauen haben wir uns abgelenkt und die Zeit vertrieben. Ich wollte wieder die Selina aus dem letzten Jahr sein, befreit an die Rennen herangehen – das hat in Ruhpolding perfekt funktioniert und da ist ein unfassbarer Druck von mir abgefallen.
Haben Sie regelmäßigen Kontakt zu Athleten anderer Sportarten?
Immer mal wieder. Bei den Zoll-Meisterschaften letztes Jahr habe ich mich gut mit den Rydzek-Geschwistern angefreundet. Dadurch kenne ich auch Simon Jocher gut, habe mich mit ihm letztens länger unterhalten. Ein paar Schnittstellen gibt es, man tauscht sich regelmäßig aus. Bei Olympia ist es leider so, dass wir nicht am selben Ort sind.
Hat die Biathlon-Mannschaft schonmal bei den Trainern vorgesprochen, um vielleicht doch zwischendurch andere Wettkämpfe besuchen zu können?
Puh, schwierig (lacht). Wir sind leider schon weit weg vom Schuss. Auch Eröffnungs- und Abschlussfeier werden nicht machbar sein für uns. Schon traurig, dass man das Feeling nicht so mitnehmen kann. Letztendlich fühlt es sich eher wie eine Weltmeisterschaft an. Vielleicht geht es sich an einem Tag mal aus, Cortina wäre wohl noch am ehesten möglich.
Wird Ihre Familie vor Ort sein?
Logisch, allerdings muss ich erst einmal abwarten, welche Rennen ich laufen darf. Unabhängig davon werden aber auch Freunde in Antholz sein, die sich bereits Tickets geholt haben.
Hinter Ihnen liegt eine wahre Seuchensaison, wie blicken Sie auf die letzten Monate?
Es passiert nichts ohne Grund. Schaut man auf meine Formkurve, stehe ich momentan ja gar nicht so schlecht da. Das ist wichtig. Wenn ich da noch eine Schippe drauflegen kann in Antholz, ist auch der schwierige Saisonstart nicht so dramatisch. Es hätte auch andersherum laufen können, das darf man nicht vergessen. Aber natürlich war der Saisonstart alles andere als schön.
Die Konkurrenz im deutschen Team ist groß. Es waren bereits fünf Starterinnen für vier Plätze qualifiziert – nun kommt eine formstarke Selina Grotian hinzu…
Das wird keine einfache Entscheidung für die Trainer. Umso komplizierter ist es jetzt natürlich, dass noch eine sechste Athletin mit dabei ist. Am Ende vom Tag sollten die formstärksten Athletinnen an den Start gehen, da es sich ja um eine Momentaufnahme handelt. Wenn ich es nicht bin, dann ist es so. Wir brauchen die vier Mädels, die an diesem Tag am besten performen können. Die finale Entscheidung wird vermutlich erst vor Ort getroffen, genauere Infos haben wir dazu aber noch nicht bekommen.
Haben Sie sich im Vorfeld noch von irgendjemandem Tipps geholt?
Franziska Preuß hat mir in den letzten Tagen geholfen, mit mir gesprochen. Sie hatte 2018 vor Pyeongchang dieselbe Situation durchlebt. Generell hat sie viel Erfahrung, bei ihr hole ich mir immer gerne Tipps ab.
WM-Medaillen hängen schon in Ihrem Schrank, aber Platz für Olympia-Edelmetall gäbe es ja sicherlich noch…
Auf alle Fälle (lacht). Die Konkurrenz ist sehr stark, andere Nationen performen auch. Das Niveau der Weltspitze ist nochmal angestiegen. Es braucht einen perfekten Tag, um auf das Podest zu kommen. Aber es ist möglich!
Welcher Glücksbringer kommt denn mit zu Olympia?
Puh, schwere Frage (lacht). Ich trage meistens dieselben Ketten bei den Wettkämpfen. In Oberhof haben wir ein Glücksschwein bekommen neulich, das wird es auch in den Koffer für Antholz schaffen.
INTERVIEW: MARCO BLANCO UCLES