Knackpunkt Rechtskurve

von Redaktion

DSV-Arzt Köhne über Vonns Olympia-Pläne: „Kreuzbandriss ist nicht gleich Kreuzbandriss“

DSV-Mannschaftsarzt Manuel Köhne © Privat

Lindsey Vonn, Ski-Superstar. © BOTT

Vergangenen Freitag stürzte Vonn – und riss sich angeblich das Kreuzband. © Muller (2)

Cortina – Im Kampf um Olympia-Gold geht US-Ski-Ikone Lindsey Vonn „all in“: Bei der Abfahrt am Sonntag (11.30 Uhr, ARD live) in Cortina will die 41-Jährige trotz eines Kreuzbandrisses im Knie antreten. „Mit ihrem Start lässt sich Lindsey auf ein Glücksspiel ein, in dem sie alles auf eine Karte setzt“, kommentierte DSV-Mannschaftsarzt Dr. Manuel Köhne gestern am Rande des Trainings für die Abfahrt der Herren in Bormio. „Das kann gut gehen, ich traue ihr durchaus eine Medaille und dank ihrer Extraklasse sogar den Sieg zu. Aber sie nimmt auch ein hohes Risiko in Kauf. Wenn ihr Knie der Belastung nicht standhält, dann drohen schwere Folgeverletzungen“, sagte Köhne im Interview mit unserer Zeitung.

„Das Leben“, sagte Vonn am Dienstag bedrückt, „ist nicht perfekt.“ Sie saß im Curling-Center der Winterspiele in Cortina d‘Ampezzo, am Fuße der Tofana, wo sie ihr ohnehin famoses Comeback krönen möchte. „Ich weiß“, betonte Vonn, „dass meine Chancen nicht mehr dieselben sind wie vor dem Crash, aber so lange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen…“ Und kämpfen.

Lindesys Kalkül: Ihr Bein muss diese Saison „nur noch“ ein Rennen lang funktionieren – auf ihrer Lieblingsstrecke, die sie so gut kennt wie kaum eine andere und skitechnisch aus dem Effeff beherrscht. Zwölf Mal hat die Speed-Queen bereits auf der Tofana gewonnen. Dazu kommt: Ihr muskulärer Trainingszustand ist gerade außergewöhnlich gut, sie hat die Kraft, um ihr Knie auch ohne ein intaktes Kreuzband als wichtigen Stabilisator auf Kurs zu halten. Ob Vonns Alles-oder-nichts-Strategie aufgeht, wird sich nach Einschätzung von Ski-Doc Köhne vor allem in Rechtskurven entscheiden. „Dabei ist die Belastung für ihr verletztes linkes Kniegelenk am höchsten, weil sie großen Druck auf den Außenski bringen muss. Der Knackpunkt dabei ist: Lindsey muss die Ideallinie zu treffen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, auch noch Schläge und Wellen kompensieren zu müssen.“

Und Vonn, die ewige Drama-Queen und PR-Expertin, ist schlau genug, um zu wissen, wie groß die Schlagzeilen sein werden, wenn sie es auch jetzt wieder schaffen sollte: Gold, oder mindestens eine Medaille zu holen im Ringen mit ihren Herausforderinnen um Sofia Goggia, Emma Aicher oder Kira Weidle-Winkelmann. Es wäre, sagte sie, „ein verdammt gutes Comeback“.

Dass sie überhaupt so viel Stabilität auf den Ski bekommt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Verletzungsmuster geschuldet. „Kreuzbandriss ist nicht gleich Kreuzbandriss“, erklärt Köhne, der in der Orthopädischen Chirurgie München jedes Jahr mehrere hundert Kreuzband-Operationen durchführt. „Lindsey hat offensichtlich eine Rissform erlitten, die nur ein vergleichsweise geringes Gelenktrauma verursacht hat. Man kann sich das vorstellen wie bei einem gerissenen Seil, dessen äußere Hülle noch einigermaßen intakt ist. Zudem ist sie psychisch stark genug, um eine Abfahrt mit Schmerzen durchzustehen.“

Möglicherweise könnte es sogar die letzte ihrer außergewöhnlichen Karriere sein. Vor dem Start der Winterspiele muss sie auf jeden Fall länger als erhofft auf einen Härtetest für ihr lädiertes Knie warten. Das für Donnerstagvormittag geplante Training wurde „aufgrund des anhaltenden Schneefalls und der Wettervorhersage“ abgesagt. Das teilten die Organisatoren mit.

ANDREAS BEEZ

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