„Meine Bilanz? Gut!“

von Redaktion

Thomas Weikert über die Zukunft von Olympia – und seine eigene als DOSB-Präsident

Ausnahme Neubau: Die Bobbahn in Cortina.

Die Olympische Ringe in der Nähe der Piste im Stelvio Ski Center. © Bruno, Kristen/dpa

Thomas Weikert ist seit 2021 Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes – Italien sind nach Peking die zweiten Winterspiele des gebürtigen Hessen. © SIMON/Imago

München und sein Umland sind Thomas Weikert (64) nicht fremd. Während seiner aktiven Zeit als Tischtennisspieler duellierte sich der heutige DOSB-Präsident in der ersten Liga unter anderem in Gräfelfing an der Platte. Auch das Aufeinandertreffen mit unserer Zeitung kurz vor den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina war geprägt von Angriff und Abwehr.

Herr Weikert, sind Sie schon mal in einem Helikopter mitgeflogen?

Ja, wieso?

Franz Beckenbauer hatte als Organisationschef der Fußball-Heim-WM 2006 einen Helikopter, um schnell von A nach B zu kommen. Den könnten Sie in Italien bei den großen Entfernungen auch gebrauchen, oder?

(schmunzelt): Die Logistik ist ein bisschen schwierig. Aber ich werde mit dem Auto gut zurechtkommen. Mir ist es auch nicht recht, dass ich von Cortina drei Stunden nach Predazzo brauche. Aber es ist, wie es ist. Und ich glaube, dass sich die Aufregung um die Entfernungen legen wird.

Das Konzept der Eröffnungsfeier sieht vor, dass der Fernsehzuschauer den Eindruck bekommen soll, dass viele Athleten auf einem Fleck sind. In der Realität sind alle auf die fünf „Cluster“ verteilt. Finden Sie das gut?

Ich denke, allen, die zuschauen, ist klar, dass Mailand und Cortina nicht 100 Meter auseinanderliegen. Ich finde gut, dass somit alle Athleten die Chance haben, an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Ich sehe es außerdem als Zeichen der Zusammengehörigkeit – trotz der Entfernungen. Im Übrigen: Auch in Peking gab es drei Standorte, aber nur an einem Ort eine Eröffnungsfeier.

Ihr Alpinchef Wolfgang Maier spricht aufgrund der Zersplitterung und im Vergleich mit der Sommerausgabe 2024 in Paris von „Spielen zweiter Klasse“. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt zwar kein kompaktes Dorf für alle, das ist im Winter allerdings auch etwas schwieriger. Den einen Ort, der die Traum-Infrastruktur, den Schnee und vorhandene Anlagen hat, den wird es in Zukunft nicht mehr geben. Die Italiener haben, mit Ausnahme der Bobbahn, die Standorte genutzt, die da waren, und damit die IOC-Vorgabe, kein Geld für Neubauten auszugeben, weitgehend umgesetzt.

Was halten Sie von einem rollierenden System mit vier festen Ausrichtern?

Im Sommer nichts. Es gibt viele Interessenten und mit Afrika auch einen Kontinent, der noch nie Gastgeber sein konnte. Im Winter ist das ein bisschen anders, weil wir uns an die Gegebenheiten anpassen müssen. Es wird aufgrund des Klimawandels zukünftig nicht mehr 15 Städte oder Regionen geben, die für Winterspiele infrage kommen. Da halte ich diese Idee für eine Alternative, über die es nachzudenken lohnt.

Überspitzt gesagt, gibt es kein großes Sportevent, das Katar nicht ausrichten will. Auch irgendwann Winter-Olympia?

Für manche mag das vorstellbar sein, aber ich bin strikt dagegen.

Zurück nach Italien. Wenn man, wie Sie, in Hessen aufwächst: welche Berührungspunkte mit dem Wintersport gibt es da?

Professionell einige, denn auch in hessischen Vereinen gibt es viele Mitglieder, die Wintersport betreiben. Persönlich ist das für viele eher so: Man fährt nach Bayern oder Österreich und versucht Ski zu laufen. Ich auch – in einem bescheidenen Rahmen, sowohl was die Technik als auch die Zeit angeht.

So bescheiden wie Ihr Fußballniveau? Sie haben mal erzählt, dass Sie gerne Fußballprofi geworden wären, das Talent aber nicht gereicht hat.

(lacht) Sie kennen ja mein Fußballniveau nicht.

Deswegen die Nachfrage.

Ich habe im Tor gespielt und war immerhin in der Kreisauswahl, das muss in der D- oder C-Jugend gewesen sein. Egal, im Tischtennis hatte ich mehr Talent. Und im Skifahren habe ich vor allem Spaß, also alles gut.

Halten wir fest: Die Wintersport-Disziplin, in der Sie olympisch sein könnten, muss erst noch erfunden werden. Aber im Ernst, wie viele neue Sportarten braucht Winter-Olympia?

Ich finde, man sollte an den klassischen Sportarten festhalten und diese mit regional bekannten Disziplinen ergänzen – die dann in der Regel wieder verschwinden. So, wie es aktuell vom IOC praktiziert wird.

Die Nordische Kombination: Soll die bleiben oder kann die weg?

Aus unserer Sicht muss sie bleiben. Dafür setze ich mich persönlich auch sehr ein. Es gibt aber einen wunden Punkt: Es dürfen derzeit in der Nordischen Kombination nur Männer bei Olympia starten. Da fühle ich mit den Frauen wie Nathalie Armbruster, die nicht starten dürfen. Aber die Sportart selbst muss auch dafür sorgen, dass die Anzahl der Länder, in denen sie auf Spitzenniveau betrieben wird, steigt. Das ist nicht so einfach. Nach den Spielen wird evaluiert, wie die Wettkämpfe angekommen sind – vor Ort, im TV und im Netz. Das wird spannend.

Im Rodeln gibt es neu den Frauen-Doppelsitzer. Gut aus DOSB-Sicht, weil die Eisrinne meist eine Medaillenbank ist. Ist Deutschland so gut oder liegt es daran, dass weniger Nationen am Start sind?

Das wäre zu einfach. Unsere Leistungen beruhen auf vielen Faktoren: Athletinnen und Athleten, die sich akribisch vorbereiten und das sehr gute Material, das es dank der Unterstützung von FES und IAT gibt, sehr gut beherrschen. Tolle Trainerinnen und Trainer. Und die nötigen Bahnen. Auch hier am Königsee wird wieder aufgebaut.

Sie werden vermutlich auch öfter an der Eisbahn sein. Wie war Ihre Vorort-Erfolgsbilanz bei Ihrem ersten Wintereinsatz in Peking?

Die war gut.

Wie viele der zwölf deutschen Goldmedaillen bringen Sie noch zusammen?

Johannes Ludwig auf jeden Fall. Dann Francesco Friedrich im Zweier und Vierer. Vinzenz Geiger in der Nordischen Kombination (überlegt). Im Skispringen haben wir kein Gold gewonnen. Aber im Rodel-Team (überlegt weiter)…

Mehr wären mir aus dem Stehgreif auch nicht eingefallen. Man kann bei Olympia die Medaillen zählen oder sich allgemein an den tollen Leistungen der menschlichen Körper erfreuen. Welcher Typ sind Sie?

Mir ist es zunächst wichtig, dass unser Team zusammenhält und ein ordentliches Bild nach außen abgibt. Der Rest kommt von alleine. Wir können nicht beeinflussen, ob wir fünf Goldmedaillen oder 25 gewinnen. Das hängt von vielen Details wie zum Beispiel dem nötigen Quäntchen Glück, der Tagesform, dem Wetter oder auch Verletzungen ab. In Peking waren wir Zweiter im Medaillenspiegel, wenn wir diesmal Vierter werden würden, muss niemand enttäuscht sein. Ich hoffe aber, dass wir unseren Platz unter den besten drei Nationen der Welt verteidigen können.

Medaillen in der Spitze ergeben sich oft aus einem breiten Unterbau. Wie zufrieden sind Sie mit dem Stellenwert des Sports in Deutschland generell?

Wir sind nicht schlecht aufgestellt, aber von gut oder sehr gut sind wir noch ein bisschen entfernt. Nur zwei Beispiele: Es gibt nicht flächendeckend genug Schulsport, oft nicht einmal drei Stunden in der Woche. Auch bei der Trainersituation haben wir erhebliche Defizite. Zu viele wandern ins Ausland ab, weil sie hier nicht gut genug bezahlt werden, weil sie Zeitverträge bekommen und weil die Wertschätzung nicht hoch genug ist.

Stichwort Wertschätzung. DFB-Präsident Bernd Neuendorf bekommt mindestens 250 000 Euro im Jahr, vielleicht sogar bis zu 500 000 Euro. Sie null bzw. nur eine ehrenamtliche Aufwandsentschädigung.

(schmunzelt) Das ist so.

Ab Januar 2027 soll es, auch auf Ihr Drängen, zumindest 2000 Euro für den DOSB-Präsidenten geben. Reicht das für eine erneute Kandidatur Ihrerseits?

Ob ich kandidiere, dazu werde ich mich im Frühjahr äußern. Aber das mache ich, um es mal salopp zu formulieren, nicht davon abhängig, ob ich 300 Euro oder 7000 Euro bekomme. Grundsätzlich schauen die gut neun Millionen Ehrenamtlichen, die wir im deutschen Sport haben, nicht in erster Linie auf das Geld. Ich bin an mehr als 150 Tagen im Jahr für den DOSB unterwegs, arbeite im Hauptberuf als Rechtsanwalt. Im November werde ich 65 Jahre alt, ich habe eine kleine Tochter, die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab.

Was sagt Ihre Lebensgefährtin?

Generell interessiert auch sie sich sehr für den Sport und unterstützt mich sehr. Aber klar, der Bewerbungsprozess nimmt aktuell viel Zeit in Anspruch. Wenn ich mehrere Tage weg bin, ist das nicht immer einfach.

Diskutieren Sie im Privaten auch berufliche Themen? Zum Beispiel die Situation um Russlands Athleten? Die Tür für eine Rückkehr wird vom IOC immer weiter aufgestoßen…

Das kommt vor, ja. Ich finde: Unbescholtene Sportler und Sportlerinnen sollten teilnehmen dürfen und nicht für Dinge bestraft werden, die die Politik verantwortet und sie nicht beeinflussen können. Das wiederum gehört aber natürlich ordentlich überprüft.

INTERVIEW: MATHIAS MÜLLER

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