Gesicht der Freestyle-Szene: Kevin Rolland. Bei Olympia trat er in der Halfpipe an. © IMAGO/Berzane Nasser/ABACA
„Als Kind wollte ich die X-Games gewinnen“: Kevin Rolland gehörte zur ersten olympischen Generation der Freestyler. © IMAGO/Jack Gruber
Cortina d‘Ampezzo – Spektakel im Schnee – dafür steht bei Olympia die Sparte Ski-Freestyle. 1992 wurde das Buckelpistefahren ins Programm der Winterspiele aufgenommen, 1994 das Springen (Aerials), 2010 folgte Skicross, 2014 kam die breite Palette mit Halfpipe, Slopestyle, vor vier Jahren noch Big Air. Eine der großen Figuren des Freestyle-Skifahrens ist der Franzose Kevin Rolland (36). Ein Gespräch mit dem internationalen Eurosport-Experten über Bedeutung, Reiz und Gefahr seines Sports.
Kevin, zur Vorbereitung auf dieses Gespräch haben wir eines Ihrer Youtube-Videos angeschaut. Wow, das ist ein James-Bond-Film, komprimiert auf gut fünf Minuten.
Oh ja, welches Video haben Sie gesehen?
,Fast Forward‘, das, bei denen Ihnen das Handy aus dem Lift fällt und Sie versuchen, es zurückzubekommen. Eine wilde Jagd.
Wir fahren über Hüttendächer und durch die Bobbahn von La Plagne, wo ich herkomme. Seit Beginn meiner Karriere hatte ich immer kreative Videoprojekte um meinen Sport herum. ,Fast Forward‘ habe ich mit meinem Kumpel Julien Regnier gedreht. Wir machen da wirklich eine Menge verrückter Dinge.
Konnte man sicher nicht in einem Take aufnehmen.
Wir haben zehn Tage gebraucht, um es im Kasten zu haben. Wissen Sie, für einen Freestyler genügt es nicht, Wettbewerbe zu gewinnen, man muss auch darum herum etwas bieten. Einmal im Jahr machen wir was Kreatives. Vor zwei Jahren war das Ende, dass ich im Wasser landete und unter Haien war. Voriges Jahr fuhr ich brennend durch die Halfpipe. Das nächste Video wird sein, dass ich auf Erde und Schnee Ski fahre und Sommer und Winter zusammenbringe.
Freestyle ist eine noch junge Ausprägung des Skisports – und bei Olympia angekommen?
Es ist das vierte Mal, dass wir dabei sind, und ja: Jetzt haben die Kids, die in der Halfpipe oder beim Slopestyle unterwegs sind, das Ziel, Olympiasieger zu werden. Als ich klein war, gab es keinen Freestyle bei Olympia, meine Vorstellung war es, die X-Games zu gewinnen oder Weltmeister zu werden. Nun gibt es eine neue Generation, und sie träumt von Olympia.
Sie sind bei den Spielen in der Halfpipe angetreten. Wie kann der interessierte Beobachter am Bildschirm eine Darbietung beurteilen? Nach der Höhe der Sprünge, nach den Drehungen?
Es ist eine Kombination aus beidem. Wenn Leute sich mit den Details nicht so auskennen, wird sie die Höhe beeindrucken. Für mich ist der Gedanke des ,going huge‘ der Treibstoff, aber in den letzten Jahren wurden die Medaillen eher durch die Technik, Tricks und verrückte Sachen gewonnen als durch die Höhe.
Sie haben versucht, höher zu springen als jeder andere, kamen über elf Meter. Wenn wir als Vergleich Stabhochspringer Armand Duplantis hinzuziehen: Sein Rekord sind 6,30 Meter. Wie fühlt es sich an, sich auf fast das Doppelte zu katapultieren?
Unglaublich – aber es endete bei mir in einem Unfall, und der war schrecklich. Als würde Duplantis ohne Matte landen. Es war schmerzhaft, das heißt: eigentlich nicht, denn ich erinnere mich an nichts. Aber der Sturz hätte fast mein Leben beendet, und zumindest hat er das Ende meiner Karriere eingeleitet. Ich lag drei Tage im Koma, der Arzt sagte mir, ich müsste mir was anderes suchen im Leben, Ski würde ich nicht mehr fahren können. Mein Unfall war 2019, die Reha eine sehr lange Angelegenheit, doch der Weg hat mich 2022 nach Peking geführt. Ich war Fahnenträger des französischen Olympia-Teams und habe in der Halfpipe einen sechsten Platz gemacht. Mein schlechtestes Resultat bei Olympia – aber nach dem, was passiert ist, mein bestes.
Alpine, Crosser, Freestyler – wer sind eigentlich die besten Skifahrer?
Das ist alles nicht vergleichbar. Ein Freestyler kann mehr Tricks als ein Alpiner, aber der dafür verrückte Sachen, die ich nicht draufhabe. Aber man kann auch nicht Armand Duplantis mit Teddy Riner vergleichen, unserem Judo-Star. So weit auseinander ist das.
Der deutsche Freestyle-Pionier Fuzzy Garhammer sagte mal, ihn habe die Entwicklung des Freestyle enttäuscht, da sehe er mehr Turnen als Skifahren.
Der Sport entwickelt sich, Ja, er enthält viel Akrobatik, man sieht eine Technik, wie man sie aus dem Turnen kennt – doch mit einer anderen Aura, mit Style.
Wie kann man Sie sich privat als Skifahrer vorstellen? Mit Einkehrschwung?
Neulich war ich mit Freunden unterwegs, wir springen da, haben Spaß. Aber am Tag zuvor war ich mit meinen Kindern auf der Piste und habe ihnen gezeigt, wie‘s geht. Manchmal fahre ich chillig, manchmal aggressiv je nach Stimmung.
INTERVIEW: GÜNTER KLEIN