„Mein Sohn ist mein größter Kritiker“

von Redaktion

Felix Loch über ehrliche Kinderworte und sein olympisches Motto: Spaß haben!

Zusammen ist‘s am schönsten: Familie Loch. © Allianz

Wenn‘s läuft, dann läuft‘s: Loch ist in Topform. © dpa

Vaterfreuden: Felix Loch mit seinem ältesten Sohn Lorenz. Der schaut nach einem Wettkampf sofort die Startzeiten an. © Schutt/dpa

München – Auch wenn man es kaum glauben kann: Es ist tatsächlich zwölf Jahre her, dass Felix Loch das letzte Mal olympisches Gold um den Hals hängen hatte. In Cortina d‘Ampezzo könnte die Zeit wieder reif sein – und unrealistisch ist der Coup nicht. Denn Loch ist zwar 36 Jahre alt, aber nach einer Saison, die an seine besten Jahre erinnert, Top-Favorit. Ein Gespräch über Rodeln im Alter – und vor dem Augen der gesamten Familie.

Herr Loch, die letzten beiden Weltcups wurden in Oberhof ausgetragen. Kann man sich auf einer Lieblingsbahn am besten auf Olympische Spiele einstimmen?

Finde ich schon. Wenn man noch mal ein paar gute Läufe trifft und kein „Ausschuss“ dabei ist, macht das die Brust natürlich immer breiter. Ich fühle mich momentan sehr wohl auf dem Schlitten. Deshalb lief es in der Saison auch so gut.

Wohler als in den letzten Jahren?

Ja. Es ging mit der ersten Fahrt in Lillehammer los. Da habe ich gemerkt, dass alles passt, dass ich mit dem neuen Schlitten sehr gut zurechtkomme. In das Material haben wir in den letzten Jahren aber auch wirklich viel Zeit investiert. Das hat sich gelohnt. Es ging von Woche zu Woche bergauf, ich habe mich immer sicherer gefühlt. Schauen wir mal, wie es in Cortina funktioniert. Ich reise mit sehr gutem Gefühl an.

Was ist gleich, was ist anders als zu den bisher besten Zeiten?

Ich bin älter geworden (lacht). Und wir haben im Sommer sehr viel untergeordnet, um zielführend zu arbeiten. Ich bin froh, dass bisher alles aufgeht. Das Athletische passt, ich habe keine Wehwehchen. Am Start bin ich vorne mit dabei, das ist im Männerfeld extrem wichtig, um vorne mitzufahren. Und das Gefühl am Schlitten ist so wie vor vielen, vielen Jahren: Einfach drauflegen und Spaß haben. Ich weiß genau, was ich wann, wie, wo machen muss, wie der Schlitten reagiert, was das Material macht. Das Gesamtpaket macht es gerade aus.

War das Gefühl zwischendurch mal weg?

Ganz weg war es nie. Aber wenn man sich stetig verbessern will, macht man auch mal einen falschen Schritt. Dann tappt man von Schlagloch zu Schlagloch, nimmt gefühlt alles mit. Und dann gibt es Zeiten wie jetzt, wo du überall drumherum fährst und alles zusammenpasst. Die Täler gehören aber dazu. Es kann nicht immer alles perfekt sein. Ich hoffe, dass wir es zur richtigen Zeit hinbekommen haben.

Im Gespräch vor einem Jahr haben Sie schon geahnt, dass es „in die richtige Richtung“ geht.

Das stimmt. Mit dem zweiten Platz bei der WM habe ich schon gemerkt, zu was ich noch zu Leisten imstande bin. Sogar Platz eins wäre drin gewesen. Jetzt ging es nochmal einen Schritt nach vorne. Das tut extrem gut, ich gebe es offen zu. Du brauchst solche Erfolge, um selbstbewusst an den Start zu gehen.

Haben die Rollen sich vertauscht: Max Langenhan war Favorit – mit Blick auf die Weltcup-Saison sind Sie es nun?

Nein. Wir haben im Moment fünf Schlitten in der Weltspitze, die alle in Cortina gewinnen können. Deswegen muss man immer alles rausholen auf der Bahn, beim Material, am Start. Sonst hast Du keine Chance. In unserem Feld muss man das letzte Hemd geben. Es kann auch ganz schnell mal in die andere Richtung gehen. Die Favoritenrolle würde ich niemandem alleine zuschieben. Und dass die Italiener nochmal dort trainiert haben, macht die Aufgabe für uns nicht leichter.

Sind Sie aber inzwischen nicht in der Situation, in der Sie sagen: Alles andere als eine Medaille wäre eine kleine Enttäuschung?

Nein, das nicht. Ich versuche einfach, vier nahezu perfekte Läufe hinzubekommen. Wenn das passt, lassen wir uns überraschen, was am Ende für eine Zahl da steht. Wenn ich alles abrufen kann, ist die Medaille natürlich drin. Was es dann am Ende für eine ist, hängt von der Tagesform und äußeren Bedingungen ab.

Ist es ein Learning aus zwei Jahrzehnten im Weltcup, sich selber keinen Druck zu machen?

Das habe ich gut im Griff, denn ich kenne es aus vielen, vielen Jahren. Ich sehe Olympische Spiele inzwischen ganz entspannt.

Wie sieht Sie eigentlich die Konkurrenz? Als lebende Legende?

(lacht) So ungefähr. Aber wir haben ja schon auch andere Ältere dabei. Wolfgang Kindl ist ein Jahr älter als ich, ein Slowake im Feld ist sogar acht Jahre älter. Da habe ich noch ein bisschen hin.

Über das deutsche Generationen-Duell reden alle. Max Langenhan ist 26 Jahre jung, sie 36 Jahre „alt“. Wie liegt ihm die Bahn, wie liegt Sie Ihnen?

Wir kommen beide gut zurecht. Der anspruchsvolle Teil ist oben, in der Kurve zwei, drei, vier. Ab dann muss man sauber fahren, aber alles ist machbar. Wir haben uns darauf schnell gut eingestellt, arbeiten nur noch an Kleinigkeiten. Das gilt aber für unser ganzes Team. Es scheint, als liege die Bahn den Deutschen. Was ja schon mal nicht schlecht ist (lächelt).

Und der Espresso wartet im Ziel…

(lacht) So war es zumindest im Training. Unten stand ein kleines Mobil, da gab es alles Mögliche. Und der Espresso war hervorragend. Generell aber gilt: beim Essen und Trinken in Italien kann man nicht viel falsch machen.

Es sind Ihre 5. Spiele – und trotzdem spezielle. Denn sie sind so nah daheim wie nie zuvor.

Es freut mich, dass die Spiele da sind, wo ich den Wintersport sehe. In China mit Corona, davor in Südkorea, da ist es jetzt doch etwas anderes, dass alle kommen können, die gerne live dabei sein wollen. Ich will das richtig aufsaugen.

Wie viele Tickets haben Sie schon besorgt?

Ich habe zum Glück eine gute Organisatorin: Meine Frau kümmert sich. Aber meine Familie wird natürlich komplett da sein.

Auch Ihre Kinder – bei den ersten Spielen, die sie richtig begreifen?

Genau. Sie waren in Oberhof bei der WM dabei. Aber wenn sie das jetzt wirklich live erleben können, ist das ein riesiges Erlebnis für beide. Und auch für mich ist es toll, wenn die Jungs dabei sind. Sie haben da lange was davon, da bin ich mir sicher.

Schauen die beiden schon fachmännisch auf Ihre Läufe?

Und wie! Mein Großer ist der größte Kritiker. Der schaut sich Zeitlisten an, ruft an, fragt, was los ist. Das freut mich, aber ich frage mich: Von wem hat er das nur?! (lacht)

Ihr Vater wird in anderer Rolle dabei sein. Macht das für Sie einen Unterschied?

Nein. Jeder weiß, was seine Rolle ist, wo er mir helfen kann, wo ich ihn brauche oder nicht. Das ist über die Jahre gewachsen. Er sieht, wann ich mich wohlfühle, wann ich Input brauche. Da geht es um minikleine Hinweise, die manchmal Großes bewirken.

Fassen wir also zusammen: Wenn Sie mit Ihren Söhnen und Ihrem Vater die olympische Goldfahrt analysieren dürften…

… dann wäre alles perfekt (lacht).

INTERVIEW: HANNA RAIF

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