ZUM TAGE

Ist Eishockey noch das Herzstück?

von Redaktion

Unter dem Diktat aus Übersee

Jedem ist bei den Winterspielen etwas anderes wichtig. Es gibt ja auch eine reichhaltige Auswahl: ob auf Eis oder Schnee, in der Halle oder im Freien, ob Kunst oder Speed. Als Konsens hat sich aber über die Jahrzehnte etabliert: Das Eishockey-Turnier ist das Herzstück von Olympia in der kalten Edition. Aus dem einfachen Grund: Dem Puck nachgejagt wird über die gesamten gut zwei Wochen. im Eishockey-Finale werden die letzten Medaillen vergeben. Und seit jeher waren Eishackler auch Stimmungsträger im Olympischen Dorf und in den nationalen Häusern, denn zwischendurch haben sie Zeit für einen entspannten Abend an der Bar.

Nur: Stimmt das alles noch? Wir geraten ins Grübeln. Mittlerweile ist der olympische Sport, der immer stattfindet, wenn man eines der Fernsehprogramme einschaltet, ein anderer: Curling, das auf erfinderische Weise sein Wettbewerbsprogramm ausgebaut (Mixed!) und bei den jetzigen Spielen schon zwei Tage vor der Eröffnung angefangen hat, um am 22. Februar fertig zu werden. Im Eishockey wurde auch schon frühzeitig (am Donnerstag) der Puck eingeworfen, doch das war nur möglich, weil auch die Frauen mittlerweile vertreten sind. Die Männer, mit denen sich die Herz-der-Spiele-Tradition verbindet, sind, wenn diese Zeilen erscheinen, gerade erst auf dem Weg nach Milano. Für sie geht es erst los, wenn sich Olympia bereits der Halbzeit nähert.

Das ist diesmal der Preis. Nach 2014 hat die NHL wieder ihren Segen gegeben, dafür steckt sie den Zeitrahmen ab. Die Einnahmen-Pause in der nordamerikanischen Liga wird so kurz wie möglich gehalten, nach dem Viertelfinale geht der erste Flieger schon zurück. Die Gruppenphase verlangt den Spielern drei Auftritte in vier Tagen ab, da wird nicht viel geschehen in Sachen Umtrunk. Und welche Vertreter(innen) anderer Sportarten sollten die Eishockeyspielenden auch inspirieren? In Mailand sind ja nur die anderen aus dem Fachbereich Eis. Das Deutsche Haus, 1998 in Nagano noch ein fast täglicher Zufluchtsort von Didi Hegen und Co., steht im Cortina – keiner aus dem Eishockey-Team wird dorthin kommen. Die in Norditalien aufgerufenen Distanzen werden sogar dazu führen, dass die Fahnenträger Leon Draisaitl (Mailand) und Katharina Schmid (Predazzo) sich im richtigen Leben nie begegnen.

Eishockey wirkt unter den Umständen dieses Jahres wie ein flüchtiger Gast der Spiele. Aber es wird die meisten Zuschauer anziehen, die größte fachliche Begeisterung wecken, die höchsten Ticketpreise werden bezahlt, um die Superstars von drüben live in Europa in einem lange nicht erlebten Setting zu sehen. Auch Deutschland hat, befeuert durch Leon Draisaitls Fahnenträgerwahl, eine fiebrige Erwartung wie noch nie. Daher: Ja, Eishockey ist das Herzstück der Spiele 2026 – nur eben anders als sonst.

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