„Wir müssen uns nicht kleiner machen…“

von Redaktion

Sturmentdeckung Tim Lemperle will mit der TSG Hoffenheim für eine FCB-Krise sorgen

Kann auch Kopfball: Tim Lemperle. © IMAGO

München – Er kam aus dem Abstiegskampf mit Köln – und spielt nun mit Hoffenheim um die Champions-League-Plätze. Tim Lemperle, seit Donnerstag – dem Tag, an dem dieses Interview geführt wurde – 24 Jahre alt, spricht vor dem Spitzenduell mit dem FC Bayern am Sonntag (17.30 Uhr) über den Höhenflug der TSG, wilde Zeiten und die richtige Besetzung im deutschen WM-Tor.

Alles Gute zum Geburtstag – ist er in Hoffenheim ruhiger als in Köln?

(überlegt) Naja. Ich bin hier näher an meiner Familie – daher ist mehr Action. Auch hier am Gelände haben alle gratuliert.

Was das schönste Geschenk wäre – zumindest nachträglich – ist ja klar, oder?

Natürlich. Ein Sieg in München, das wäre ein Riesengeschenk. Die Bayern haben eine enorme Qualität, aber wir auch. Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Kennen Sie Ihre Bilanz gegen den FC Bayern?

Ich weiß, dass ich einmal Unentschieden gespielt habe, mit einem saublöden Ausgleich kurz vor Schluss. Sonst nur verloren?

In der Tat. Sechs Spiele, ein Punkt.

Das ist ausbaufähig (lacht).

War die Zeit schon mal so reif wie aktuell? 2026 ist ja bisher ein Hoffenheim-Jahr…

Das wirkt so. Aber ich würde die Serie nicht allzu hoch hängen. Wir müssen uns auf die kleinen Dinge fokussieren, die uns so stark machen. Denn gerade wenn man mal fünf Spiele hintereinander gewinnt, neigt man ja gerne dazu, ein bisschen vom Gaspedal zu gehen. Und wenn wir damit anfangen, sind wir nicht ansatzweise so stark.

Sehen Sie die Gefahr?

Nein. Jeder ist fleißig, jeder gibt Gas. Ich kann keine Veränderung feststellen. Unser Trainerteam macht da einen super Job, stachelt uns immer wieder an. Gerade nach Siegen findet unser Coach immer wieder die richtigen Worte.

Die Überschrift auf der Vereinsseite der Bayern lautet: „Das erwartet den FC Bayern gegen das beste Hoffenheim aller Zeiten.“

Das ist mir zu viel Superlativ. Mitten in der Saison ist das sehr hochgegriffen. Erst mal die Runde fertig spielen und sich bestmöglich für irgendetwas qualifizieren – dann werden wir gerne gelobt.

War das die erste TSG-Ansage in Richtung Europa, die Sie jetzt geäußert haben?!

(lacht) Das haben Sie gesagt.

Wissen Sie überhaupt noch, wie sich verlieren anfühlt?

Es ist schon ein bisschen her, Anfang Dezember gegen Dortmund. Aber daran, wie ärgerlich das war, kann ich mich noch gut erinnern. Wir sind da rausgegangen und wussten nicht so richtig, warum wir verloren haben. Das hat angestachelt, danach möglichst viele Siege einzufahren. Hat bestens funktioniert (schmunzelt).

Die Bayern hingegen erwarten Sie nach zwei Spielen ohne Sieg. Ist Ihnen bewusst, dass Sie den Branchenprimus in eine echte Krise stürzen können?

Das mag sein. Aber mit solchen Themen müssen wir uns gar nicht beschäftigen. Wenn Bayern ihre spielerische Klasse abruft, müssen wir als Mannschaft gut und kompakt verteidigen. Dass das Resultat dann zu einer Krise in München führen könnte, ist für uns zweitrangig. Vielmehr würden wir uns über die Punkte freuen.

Was muss dafür besser laufen als bei der 1:4-Heimniederlage im Hinspiel?

Ich habe das Spiel gut in Erinnerung, weil ich es von außen beobachtet hatte. Wir haben mutig gespielt, hatten Torchancen von Beginn an. Wenn wir das Spiel wieder so angehen, ist das kein verkehrtes Denken. Nur wir müssten dann halt man die Dinger vorne machen.

Wenn Harry Kane fehlen würde, käme das auch nicht ganz ungelegen, oder?

Er ist der beste Spieler der Bundesliga aktuell. Auch wenn ich ihm nichts Schlechtes wünsche, wäre es für uns natürlich nicht gerade von Nachteil, wenn er ausfällt.

Ist er für einen Offensivspieler wie Sie zwangsläufig ein Vorbild?

Ja. Es ist so beeindruckend, dass er – wenn er schon einen Hattrick geschossen hat – als letzter Mann noch eine Grätsche auspackt. Seine individuelle Klasse ist brutal. Auch was den Abschluss angeht, kann man sich da eine Menge abschauen.

Man merkt in Ihrem Spiel, dass die Hoffenheimer Ruhe Ihnen extrem guttut.

Es ist auf jeden Fall was anderes als in Frankfurt und Köln.

Da galten Sie als wilder.

Ich bin früh weg von zu Hause, habe früher auch mal meine Grenzen ausgetestet. Aber Fehler führen meist zu mehr Veränderung. Die Ruhe tut jetzt gut. Inzwischen lache ich mit meinem Papa darüber, wenn er sagt, dass mir die letzten drei Jahre Erziehung auch noch ganz gut getan hätten…

Ist Nationaltorhüter Oliver Baumann eine Art Vaterfigur in Hoffenheim?

Das Größte, das man sich abschauen kann, ist seine Persönlichkeit. Er hat schon so viele Bundesliga-Spiele gemacht, ist trotzdem mit der Bodenständigste bei uns in der Mannschaft. Er nimmt sich für jeden am Gelände Zeit zum Quatschen. Vom Typ her ist er unglaublich wichtig – auch in der Kabine.

Und im WM-Tor des DFB-Teams nicht die falsche Wahl?

Ich würde es anders sagen: Er wäre die richtige Wahl!

Also der Plan für Sonntag: Gegen Neuer treffen, Baumann mit einem Zu-Null-Spiel stärken – und dann Geburtstag nachfeiern?

Unterschrieben!

INTERVIEW: HANNA RAIF

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