„Ich kriege jetzt schon Gänsehaut“

von Redaktion

Natalie Geisenberger über Ihre neue Rolle als Expertin – und Gefühle als Olympiasieger-Freundin

München – Das Gespräch findet im Auto statt – denn der Arbeitgeber ruft: Drei Mal pro Woche fährt Natalie Geisenberger (37) zur Bundespolizei nach Bad Endorf, in den kommenden beiden Wochen jedoch steht ein anderer Job an: Als Eurosport-Expertin ist die sechsmalige Olympiasiegerin in Cortina.

Frau Geisenberger, Ihre fünften Spiele – aber in anderer Rolle. Ein komisches Gefühl?

Nein. Ich verspüre nur Vorfreude. Ich wollte eigentlich privat zu den Spielen, um anzufeuern. Aber als ich mir die Hotelpreise angeschaut habe, habe ich gedacht: Puh, ich fahr dann eher doch nicht nach Cortina! Es war vielleicht Schicksal, dass drei Tage später Eurosport angerufen und mir die Rolle als Expertin vor Ort angeboten hat. Ich hab mich so gefreut!

Wie hätten Sie sich als Aktive vorbereitet – wie machen Sie es als TV-Expertin?

Als Aktive ist man vor den Spielen kurz vor oder nach dem Durchdrehen (lacht). Kurz vor der Abreise, beim Packen und Organisieren – das war immer die krasseste Zeit mit großer mentaler Anstrengung und Nervosität. Man bereitet sich vier Jahre auf genau diesen Moment vor, das löst schon viel aus. Das ist jetzt anders. Ich war und bin total gechillt und hoffe, dass ich meine Rolle gut ausfüllen werde.

Sicher ist: Es wird eine neue Olympiasiegerin im Rodeln geben.

Das habe ich mir zuletzt auch gedacht: Ich bin einfach seit zwölf Jahren amtierende Olympiasiegerin. Das Schöne ist, der Titel „Olympiasiegerin“ bleibt ja für immer. Auch wenn sich bald wieder jemand neues so nennen darf.

Wer holt sich denn den Sieg?

Als ich im November vom Testevent in Cortina bei meinem Debüt als Expertin nach Hause gefahren bin, hab ich eine Notiz in mein Handy geschrieben mit meiner Prognose. In allen Disziplinen.

Dürfen wir sie sehen?

Nach den Medaillenentscheidungen. Beziehungsweise: Wenn ich völlig Unrecht habe, dann vielleicht lieber nicht (lacht). Ich könnte mir aber nach wie vor vorstellen, dass meine Einschätzung, die ich ja vor dem ersten Weltcuprennen gegeben habe, einigermaßen stimmen könnte.

Wie schwer wird es, Ihre Freunde zu bewerten?

Dajana Eitberger hat ja in Peking meinen Sieg als Expertin begleitet, da haben sich die Rollen nun vertauscht. Das sind natürlich spezielle Momente. Ich habe schon den Auftrag, neutral zu sein, das werde ich auch. Aber wenn Emotionen da sind, kann man sie auch nicht ausschalten. Der Sport lebt ja davon und Rodeln packt mich immer noch. Ich habe das Privileg, die Emotionen ins Wohnzimmer der Leute zu bringen.

Wie schätzen Sie die deutschen Damen ein? Überdominant waren sie bisher nicht.

Trotzdem glaube ich, dass Merle Fräbel und Julia Taubitz ganz vorne mit reinfahren. Die Österreicherin Lisa Schulte ist in starker Form. Lisas Teamkollegin Hannah Prock könnte eine Überraschung gelingen, vielleicht noch Summer Britcher aus den USA. Und Anna Berreiter darf man nicht vergessen. So, mehr sag ich jetzt nicht. Sonst verrat ich ja, was auf meinem Zettel steht (lächelt).

Hätte Ihnen die Bahn in Cortina eigentlich gelegen?

Als ich in Cortina angekommen bin, habe ich schon in den ersten 15 Minuten von fünf verschiedenen Leuten gehört: „Boah, das wäre genau deine Bahn!“

Aber es rührt sich nichts in Ihnen?

Nullkommanull. Mir ist das total egal, weil ich gar keine Lust mehr hätte, selbst runterzufahren. Ich will mich nicht mehr messen, ich will das Gefühl nicht mehr, immer die Beste sein zu müssen. Ich bin in meiner Mutter- und Familienrolle so sehr drin, dass ich nichts vermisse. Wenn meine Kinder Ski fahren, Schlittschuhlaufen lernen, sich an der Bewegung so sehr freuen, gibt mir das inzwischen viel mehr. Außerdem: Ich war vier Mal dabei – meine Ausbeute war für mich zufriedenstellend (lacht).

Können Sie die Spiele erstmals richtig aufsaugen?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass der Zeitplan fast noch straffer ist als als Athletin. Aber ich will auch kein Olympia-Tourist sein.

INTERVIEW: HANNA RAIF

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