„Lasst Finn einfach machen“

von Redaktion

Anni Friesinger-Postma über ihre Beziehung zu Olympia und Hoffnung Sonnekalb

Die Hoffnung: Finn Sonnekalb lief direkt ins Spitzenfeld des Weltcup. © IMAGO/Christian Einecke

Die Expertin: Friesinger kommentiert für Eurosport. © Rupp

München – Sie war einer der großen deutschen Stars auf dem Eis. Doch ihre Beziehung zu den Spielen war zunächst eine gespaltene, wie Anni Friesinger-Postma im Interview erklärte. Heute hofft die 49-Jährige als Eurosport-Expertin auf eine neue, goldene Generation.

Frau Friesinger, Sie haben viele Jahre als Eisschnellläuferin verbracht. Hat das Eis noch Magie für sie?

Auf dem Eis zu sein, ist immer noch ein besonderes Gefühl. Ich spiele noch hobbymäßig Eishockey, aber ansonsten bin ich Mama und schaue meinen Töchtern von außen auf dem Eis beim Eishockey zu. Die sind beide bei Red Bull in Salzburg. Es nicht mehr das selbe wie früher, aber auch schön.

Sie haben als Athletin bei vier verschiedenen Spielen Medaillen geholt. Ist das die perfekte Beziehung zum größten Sportereignis?

Natürlich, auch wenn ich sagen muss, dass es sich jedes Mal anders angefühlt hat. In Nagano war alles neu, da bist du unbeschwert rangegangen. Ich habe das alles sehr genossen. In Salt Lake oder Turin waren wir Favoriten, da lernst du kennen, dass Olympia auch eine andere Seite hat. Dass man Medaillen von dir erwartet.

Schmeckt die Medaille unter diesen Umständen besser?

Auf jeden Fall war sie sehr erlösend. Gerade in Salt Lake mit all dem Druck im Vorfeld. Und dann noch in meiner Lieblingsdisziplin über 1500 Meter, mit Weltrekord. Das war ein Sieg. Ein Triumph über die anderen, über die Kritiker und auch über mich. Da habe ich meinen Frieden gefunden. 2006 war auch befreiend. Da war ich auch im Vorfeld super drauf, habe aber in den Einzeln nicht abliefern können, weil ich zu viel Trainingsrückstand hatte. Ein vierter Platz, einmal ganz knapp Dritte. Umso schöner war die Mannschaft, die damals ja neu eingeführt wurde. Das waren lauter Einzelcharaktere, die sich überhaupt nicht leiden konnten, aber zusammen funktioniert haben. Das war schön.

Nach ihrem Rücktritt gab es solche Erlebnisse im deutschen Eisschnelllauf nicht mehr viele. Wie schwer ist es, das mit anzuschauen?

Das tut schon weh. Aber umso schöner ist es, jetzt zu sehen, dass gleich mehrere oben anklopfen. Unser Jüngster, Finn Sonnekalb, ist derjenige, der schon richtig abgeliefert hat. Aber das ganze Team hat einen Schritt nach vorne gemacht. Das hat man auch daran gesehen, wie früh die Normen erfüllt wurden, wo man früher noch gezittert hat: „Wer ist denn schon so weit?“. Sogar unser deutscher Rekord mit der Mannschaft ist endlich gefallen. Der war überfällig, der hat schon geschimmelt.

Kann Sonnekalb zu einem Star der Spiele werden?

Er ist jung, er ist ein Teenager. Klar, er ist sehr hoch eingestiegen. In einer Woche war er Dritter, die Woche drauf ist er auf der gleichen Distanz 14. geworden. Da wurde schon wieder geschrieben: Er hat enttäuscht. Da denke ich mir: Er ist so jung, lasst ihn doch einfach machen. Ich folge ihm schon länger bei Instagram. Da habe ich ihm geschrieben: „Mach dein Ding, habe Spaß.“ Er ist jetzt in einem Team, in dem er sich voll darauf konzentrieren kann. Der wird seinen Weg machen. Vielleicht klappt es bei Olympia. Aber es bringt nichts, ihm zusätzlich Druck zu machen. Er muss seine Erfahrungen sammeln.

Als Eisschnellläufer erlebt er das olympische Dorf, die Begegnungen auch mit den Stars anderer Disziplinen. Wir wirkt so etwas?

Es ist eine gigantische Erfahrung. Olympia ist für einen Sportler ohnehin ein Lebenstraum. Für mich waren die fünf Ringe etwas ganz Spezielles. Die sind bei den Spielen allgegenwärtig. Oder auch das Feuer, vor allem wenn du das Glück hast, es bei der Eröffnung zu sehen. Und dir den Weg vergegenwärtigst, wie es aus Griechenland an die Austragungsstätten gebracht wird. Und dann eben die Begegnungen mit anderen Sportarten. Das ist ein Erlebnis, das dich prägt.

Das passt zu dem Projekt, an dem sie vor einigen Jahren mitgewirkt haben. Im Rahmen der Doku „The Real Cool Runnings“ führten Sie kenianische Sportler an den Eisschnelllauf heran. Das klingt nach „Dabei sein ist alles“…

Oh ja, ich finde bei Olympischen Spielen sollen alle Länder teilnehmen dürfen. Bei uns im Eisschnelllauf haben wir jetzt Spanier, Argentinier – die kommen alle vom Inline-Skaten. Taipeh ist dabei, oder in dieser Saison ist der Franzose Timothy Loubineaud Weltrekord gelaufen. Auch er kommt vom Inline-Skaten. Es wird bunter, gemischter. An der Spitze, wie in der Breite. Das tut niemandem weh. Im Gegenteil: Das ist schön.

Wie ist es für Sie selbst – ist die Vorfreude auch in der Expertenrolle vergleichbar?

Ich selbst werde die Spiele primär aus dem Eurosport-Studio in München begleiten. Es sei denn, Finn Sonnekalb räumt richtig ab – dann kann sich das vielleicht noch ändern. Aber ja, ich finde es viel cooler als in den letzten Jahren. Es sind keine Corona-Spiele, sie sind praktisch um die Ecke, man könnte sagen: Ich habe Karten, ich fahre da schnell hin. Und im Eisschnelllaufen sind wir gut aufgestellt wie lange nicht.

Wohin geht ihr Blick abgesehen vom Eisschnelllauf?

Zum Eishockey. Die Frauen haben es jetzt ja auch geschafft. Das freut mich sehr, dass da auch Bewegung reinkommt, so schwer es ist.

INTERVIEW: PATRICK REICHELT

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