SKISPRINGEN

Märchenhafter „Gold-Hille“

von Redaktion

Größte Überraschung der Spiele: Raimund ist Olympiasieger

Grenzenloser Jubel beim „Hille“ und dem DSV-Team. © Karmann/dpa

Philipp Raimund schreit seine Freude hinaus: Der 25-Jährige gewann zuvor nie ein Weltcup-Springen. Auf der größten Bühne des Sports gelingt ihm die Riesenüberraschung. © Singer/EPA

Predazzo – Nach seinem Flug zu den Sternen riss Philipp Raimund völlig überwältigt die Arme in den Nachthimmel, Sekunden später thronte der neue Skisprung-Olympiasieger zu den Klängen von „Simply the Best“ mit der Deutschland-Fahne auf den Schultern der Teamkollegen: Der Sonnyboy aus Oberstdorf hat an einem märchenhaften Abend das Wunder von Predazzo vollbracht und Gold im Wettkampf von der Normalschanze geholt. Der erste Sieg in der Karriere des 25-Jährigen war sogleich der größtmögliche.

„Ach du Scheiße, Alter!“, schrie Raimund und hüpfte völlig entfesselt durch den Schnee im Stadio Dal Ben, auf dessen Tribüne sich die Familie Raimund in den Armen lag: „Ich war so verdammt nervös. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Aber ich bin so stolz, ich bin Olympiasieger, das ist einfach wunderschön.“

Am Fuße des mächtigen Monte Agnello, dem Lammberg, hatte Raimund sich mit gewaltiger Nervenstärke und blitzsauberen Flügen auf 102,0 sowie 106,5 m in einem höchst schwierigen Wettkampf vor dem Polen Kacper Tomasiak sowie den beiden drittplatzierten Ren Nikaido (Japan) und Gregor Deschwanden (Schweiz) durchgesetzt. Während Sloweniens Topfavorit Domen Prevc nur auf Platz sechs kam, wurde Raimund zu „Rai uno“ – und auf dem Trainerturm verdrückte selbst der sonst so coole Chefcoach Stefan Horngacher eine Träne. „Der Hille war so konzentriert wie nie in seinem Leben“, sagte Horngacher stolz und baff am ARD-Mikrofon: „A Bierle werden wir schon trinken.“

Fast auf den Tag genau acht Jahre nach dem Triumph von Andreas Wellinger in Pyeongchang hat Deutschland seinen fünften Skisprung-Olympiasieger im Männer-Einzel. Zuvor hatten noch die DDR-Springer Helmut Recknagel (1960), Hans-Georg Aschenbach (1976) und Jens Weißflog (1984/1994) triumphiert. „Das ist ultrasensationell“, jubelte ARD-Experte Sven Hannawald, der im Einzel 2002 „nur“ Silber gewonnen hatte.

Nach einem schieren Thriller vor knapp 5000 Zuschauern in der – im Vergleich zu den riesigen Weltcup-Stadien wie in Raimunds Heimat Oberstdorf – winzigen Olympia-Arena lag Raimund bereits nach dem ersten Durchgang in Führung, allerdings nur einen halben Meter vor dem französischen Überraschungszweiten Valentin Foubert. Doch kalt wie eine Hundeschnauze brachte „Hille“, wie ihn seine Schwester einst in Unfähigkeit der Aussprache des Namens Philipp einst nannte, den wichtigsten Sprung seines Lebens hinab ins Tal. Und der Rest war Jubel pur.

Dass die weiteren Deutschen unter ihren Möglichkeiten blieben, war nur eine Fußnote: Felix Hoffmann, der ebenfalls als Medaillenkandidat gestartet war, belegte Platz 13. Wellinger, der am 10. Februar 2018 in einer eiskalten südkoreanischen Nacht zu Gold geflogen war, kam auf Platz 17. Routinier Pius Paschke belegte den 23. Rang.

Raimund, der seine sagenhafte Entwicklung vom flippigen Sprücheklopfer zum fokussierten Musterathleten vollendete, überstrahlte alle. Vor dem Olympia-Winter hatte der gebürtige Göppinger den Sommer-Grand-Prix gewonnen und seine neue Klasse angedeutet. Im Weltcup sprang Raimund danach zwar fünfmal auf das Podest, der große Durchbruch blieb aber aus – bis jetzt!SID

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