TAGEBUCH

Schlösschen am See

von Redaktion

Wo wohnst du? Wie wohnst du? Mit wem wohnst du? Das Quartier bei Olympischen Spielen ist immer so eine Sache. Man ist nicht wirklich lange drin, aber doch kann es ziemlich entscheidend sein. Warum? Ist man zu weit ab vom Schuss, machen einen die langen Wege mürbe. Die Verlosung, sofern man nicht privat bucht, erfolgt über den Ausrichter. Mir haben sie das „Hotel Baur al lago“ zugewiesen – kurz unterhalb von Toblach liegend. Somit habe ich rund eine Stunde in den Norden nach Antholz und in den Süden nach Cortina. Eine akzeptable Strecke für die Spiele der weiten Wege. Mittendrin und hoffentlich in zwei Orten dabei.

Von außen sieht das „Baur al lago“ aus wie ein kleines Schlösschen. Innen ist es gemütlich und urig. Nicht gerade topmodern, würden Nörgler sagen. Aber das brauche ich nicht. Wer an digitale Zimmerkarten denkt, denkt falsch. Es gibt genau einen Schlüssel für das Zwei-Zimmer-Appartement, das ich mir mit zwei Kollegen teile. Er hängt am Empfang an einem Haken – griffbereit für den, der ihn braucht.

Erbaut wurde das Schmuckstück 1901 von Josef Baur, dessen familiäre Wurzeln bis auf Franz Hanfstaengl zurückgehen. Der gebürtige Tölzer und spätere Münchner war Hoffotograf und schuf Porträts berühmter Persönlichkeiten, unter anderem des Königs Ludwig II. von Bayern, Otto von Bismarcks und der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Mehr Prominenz ging zu dieser Zeit gar nicht.

Die Verbindung nach München besteht nach wie vor. Die Mutter des heutigen Chefs lebte lange Zeit in der Landeshauptstadt, die Familie besitzt noch heute eine Wohnung in Pasing. Wie ich also wohne? In einem Hotel mit Historie. Grande! – und deutlich besser als anonyme Betonbauten.

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