Nicht auszuhalten! Siemen Voet mit der Geste zur Lage der Löwen. © Sampics / Stefan Matzke
München – Was für eine Laune des Schicksals! Als wäre der Spieltag nicht schon frustrierend genug für die Löwen verlaufen, lieferte der Sonntag noch ein paar Pointen, die die 1860-Bosse nachdenklich stimmen dürften. Bei Rot-Weiss Essen war es Dickson Abiama, der nach 1:3-Rückstand in Aachen noch einen Punkt rettete. Blitz-Doppelpack des Leihspielers, um den sich auch die Löwen bemüht hatten. Duisburg legte am Abend nach: Der MSV gewann das Spitzenspiel gegen Verl mit 4:2 – auch dank Lex-Tyger Lobinger. Der Winterzugang aus Köln erzielte das wichtige 1:0 und das vorentscheidende 3:1. Zwei Wintertransfers, zwei Volltreffer. Und das, nachdem man bei 1860 stets betont hatte, der Markt sei schwierig und echte Verstärkungen im Winter ein Risiko.
Der Blick auf die Tabelle erzählt eine andere Geschichte. Ex-Löwe Lobinger trug mit vier Toren und einem Assist dazu bei, dass Duisburg mit neun Punkten aus der Winterpause kam. Essen, das von allen Aufstiegskandidaten am fleißigsten nachgerüstet hat, ist im neuen Jahr noch ungeschlagen. Die Löwen dagegen stehen bei drei Punkten und warten weiter auf den ersten Sieg. So löblich es ist, auf Eigengewächse zu setzen: Weder war Loris Husic geholfen, am Samstag in Großaspach ins kalte Wasser geworfen zu werden, noch half dieser Schritt den Löwen in einem der wichtigsten Spiele. Husic wirkte überfordert – auch wenn man die 1:2-Niederlage bei Stuttgarts Talentschuppen eher den erfahrenen Kräften anlasten muss.
Das alles mündet am trainingsfreien Montag in eine ernüchternde Bestandsaufnahme. Der Aufstiegszug ist abgefahren – das hat Markus Kauczinski bereits nach Spielende klar ausgesprochen. Tabellenführer Cottbus hat zehn Punkte mehr als die Löwen, Duisburg als erster Verfolger steht bei 42. Dahinter folgen die Spitzenteams im Ein-Punkt-Abstand. Selbst Wehen Wiesbaden auf Rang sieben liegt fünf Zähler vor 1860. Um noch einmal heranzukommen, müssten die Löwen Sieg an Sieg reihen – und vor allem die direkten Duelle auswärts gewinnen: in Duisburg im März, in Cottbus im April, in Verl im Mai. Philipp Maier erklärte zwar, „grundsätzlich“ nie aufgeben zu wollen, solange rechnerisch noch etwas möglich sei. Präsident Gernot Mang zählt ohnehin zur Riege der Berufsoptimisten. Kauczinski aber ist Pragmatiker. Die Erfahrung sagt ihm: Das reicht nicht mehr. Sollte der Rückstand wider Erwarten schrumpfen, würde er die Worte vom 7. Februar wohl einkassieren – bis dahin bleibt die Lage schmerzhaft klar.
Damit stellt sich für den Trainer die zentrale Frage: Wie geht man um mit einem Kader, der aufsteigen wollte, die Ziele früh aus den Augen verliert – und jäh in eine Sinnkrise stürzt? Es gilt nun, die Motivation hochzuhalten, Vertragsfragen zu klären, jungen Spielern Perspektiven zu geben und das vielzitierte Denken von Spiel zu Spiel mit Leben zu füllen. In Havelse bietet sich die Chance, den Angriff neu zu ordnen – Kevin Volland und Florian Niederlechner sind gesperrt. Eine Woche später gegen Rostock wäre noch eine Rechnung aus dem Hinspiel offen. Und so weiter. Ob das alles trägt, ist offen.
Wenn der Charakter dieser Mannschaft aber so gut ist, wie immer betont wird, sollte zumindest ein Absturz Richtung Abstiegszone verhindert werden. Zu oft sind Teams an Perspektivlosigkeit zerfallen. Diese Löwen kämpfen nun um ihre Ehre – und um den Ruf des Vereins. Oder, um es mit Thore Jacobsen zu sagen: Eier zeigen! Schließlich geht es auch noch um die Teilnahme am DFB-Pokal – erreichbar über Platz vier oder den Totopokal (Halbfinale in Regensburg am 28. März).
Für einen Löwen steht immerhin fest, dass er noch einiges vorhat in München. Markus Kauczinski besitzt nicht nur einen Vertrag über diese Saison hinaus (bis 2027), sondern nach Informationen unserer Zeitung inzwischen auch eine Wohnung. Fündig wurde er in Kleinhadern, der Familienpudel kennt bereits die besten Gassistrecken. Die Wohnung ist übrigens monatlich kündbar – auch was das angeht, ist der Trainer im Laufe seiner Karriere Pragmatiker geworden.ULI KELLNER