Weidle-Winkelmann (li) holte in Cortina bei der WM 2021 schon Silber, Aicher erst vor zwei Tagen. © Kappeler/dpa
Kein Halten mehr: Kira Weidle-Winkelmann (re.) zieht Teamkollegin Emma Aicher aus dem Zielbereich – wenig später ist klar: Das Duo holt Silber in der Kombination. © Kappeler/dpa
Cortina – Am Sonntag fehlten Emma Aicher 0,04 Sekunden zum Olympiasieg! Gestern waren es 0,05 Sekunden zu Gold. Der Jubel über Silber in der Kombination zusammen mit Kira Weidl-Winkelman kannte beim DSV-Duo trotzdem keine Grenzen. „Wahnsinn, unglaublich“, freute sich Weidle-Winkelmann, „das hätte ich nicht ganz so gedacht.“ Bei Aichers Slalom-Lauf sei sie „unfassbar aufgeregt“ gewesen, „es war eine Achterbahn, sehr emotional alles. Emma hat zu 100 Prozent abgeliefert!“
Die Starnbergerin hatte zuvor in der Abfahrt eine solide, aber keine überragende Leistung gezeigt – dementsprechend lagen Aicher und „KWW“ ein Stück hinter den US-Topfavoriten Breezy Johnson und Mikaela Shiffrin. Doch während die überragende Slalomfahrerin dieser Saison ihren Lauf vermasselte und auf Rang vier zurückfiel, kurvte Aicher zur Bestzeit.
Bereits in Peking (2022) und Pyeongchang (2018) hatte Shiffrin ausgerechnet bei den Spielen Nerven gezeigt. Aicher hingegen scheint das alles nicht zu berühren. Nur zwei Tage nach ihrem Silber-Speed-Ritt wechselte die 22-Jährige scheinbar mühelos auf die kurzen Ski und ließ die gesamte Konkurrenz hinter sich.
Der knappe Rückstand? Egal! „Ich habe mich gar nicht geärgert, sondern einfach gefreut, dass ich eine Medaille habe“, so Weidle-Winkelmann. Auch Aicher nahm‘s gewohnt trocken: „Vielleicht sind die Hundertstel ja irgendwann auf unserer Seite.“ Der Olympiasieg ging sensationell an Team Österreich 2 mit Ariane Rädler und Katharina Huber – zwei Freundinnen, die seit über 20 Jahren zusammenfahren. Rang drei belegte USA 2 mit Jacqueline Wiles und Paula Moltzan.
Der Rückstand auf Bronze betrug für Aicher nach der Abfahrt 0,47 Sekunden, Gold war 0,74 Sekunden entfernt. Weidle-Winkelmann fieberte im Ziel mit: „Ich war sehr, sehr nervös und habe von oben bis unten irgendwie mitgezittert.“ Das DSV-Juwel hingegen blieb cool. Auf Sicherheit sei sie nicht gefahren. „Warum auch?“, so Aicher. „Ich habe versucht, Gas zu geben. Ich weiß, dass mir der Hang liegt, und bei Olympia zählen Medaillen.“
Auf der Tofana-Strecke sammelte der DSV bereits bei der WM vor fünf Jahren vier Podestplätze ein, auch jetzt hat das Team die anvisierten zwei Medaillen schon erreicht. „Wir haben jetzt gar keinen Druck mehr“, sagte Aicher und grinste: „Wir können machen, was wir wollen.“
Was sie Aicher für die Entscheidung rate, wurde KWW gefragt? „Möglichst wenig, weil ich keine Ahnung von Slalom habe. Ich vertraue Emma zu hundert Prozent, sie ist eine der besten Slalomfahrerin der Welt.“ Das stellte Aicher eindrucksvoll unter Beweis.
Im Gegensatz zu Shiffrin. „Sie ist halt auch keine Maschine, sondern nur ein Mensch“, so Weidle-Winkelmann.MATHIAS MÜLLER