Heimat-Auszeit vor der Olympia-Mission: Leilani und Kona Ettel beim Interview mit Sportredakteur Uli Kellner © Sampics
Nur fliegen ist schöner: Ettel-Hotspot Halfpipe. © Imago
Die perfekte Welle – fast vor der Haustür: Leilani (l.) und Kona Ettel an ihrem lokalen Lieblingsspot, der Surftown MUC in Hallbergmoos. © Stefan Matzke / Sampics (3)
Hallbergmoos – Mitten im Winter, mitten in Oberbayern – und mitten an einer Welle. In der Surftown MUC treffen wir Leilani (24) und Kona Ettel (18), Deutschlands Halfpipe-Hoffnungen bei Olympia (Quali am Mittwoch ab 10.30 Uhr). Zwei Schwestern aus Pullach, aufgewachsen zwischen Schnee, Meer und Boards. Ein Gespräch über perfekte Wellen, gefährliche Halfpipes und den Stellenwert der Winterspiele.
Leilani, Kona – wie fühlt es sich an, im Winter hier an der Welle zu stehen?
Leilani: Vertraut und trotzdem ungewohnt. Wir haben unglaublich viel Zeit an der Welle verbracht, aber direkt aus dem Schnee hierherzukommen, das ist schon speziell.
Kona: Im Sommer sind wir öfter da, im Winter eher selten. Einmal waren wir spät im Jahr – da war es richtig kalt. Aber die Welle ist einfach mega.
Was macht diese Welle so besonders?
Leilani: Es fühlt sich an wie im Meer – nur noch besser. Die Wellen sind jedes Mal perfekt, gleiche Form, gleicher Druck. Wir waren in vielen Wavepools in Europa und oft im Ozean, das hier ist wirklich ein Next Step fürs Wavepool-Surfen.
Kona: Und es ist unser Local Spot. 40 Minuten von zu Hause. Jedes Mal denke ich mir: Wie viel Glück kann man haben?
In Hallbergmoos trifft sich also die Szene?
Leilani: Kann man sagen, ja. Eisbach-Leute, Surfer aus ganz München. Der Vibe ist super, man kennt sich, es gibt Events – das fühlt sich wie eine kleine Community an.
Wie ist das Switchen zwischen Schnee und Wasser?
Kona: Das ist eine perfekte Abwechslung. Es gibt Gemeinsamkeiten, ist aber trotzdem komplett anders.
Leilani: Es ist ein fließender Übergang. Auch im Sommer gibt’s Snowboard-Camps, dann gehst du zwischendurch surfen. Das rundet unser Leben als Athletinnen total ab.
Euer Vater war Deutscher Meister in der Halfpipe. War euer Weg vorgezeichnet?
Leilani: Überhaupt nicht. Wir durften alles ausprobieren – Voltigieren, Ballett, alles Mögliche. Unsere Eltern haben uns nie gedrängt.
Kona: Am Ende haben wir selbst entschieden. Snowboarden und Surfen lagen uns einfach am meisten.
Was hat euch am Snowboarden so gepackt?
Leilani: Dieses Gefühl des Gleitens, fast wie Fliegen. Backcountry, hochlaufen, runterfahren – das ist unbeschreiblich. In der Halfpipe ist es ähnlich: dieses schwebende Gefühl. Das verbindet Snowboarden und Surfen total.
Halfpipe-Snowboarden gilt als verletzungsträchtig. Wie geht Ihr damit um?
Kona: Es kann richtig viel passieren. Pipes sind eisig, hart – du musst sicher landen.
Leilani: Das Mentale ist fast das Wichtigste. Du siehst bei Contests ständig Stürze. Dann stehst du oben und musst als Nächste fahren. Der Schlüssel ist, den Fokus bewusst auf das Gelingen zu legen.
Verletzungen gehören trotzdem dazu. Eure schlimmsten?
Kona: Letzten März ein harter Sturz auf den Rücken, mit Gehirnerschütterung. Das war heftig, aber ich bin gut betreut worden.
Leilani: Klassiker: Kreuzbandriss. Zwölf Monate Reha. Aber danach war ich körperlich stärker als vorher. Verletzungen sind Teil des Sports.
Leilani, du hast dich selbst einmal als Perfektionistin bezeichnet. Wie passt das zu zwei Sportarten, die für absolute Freiheit stehen?
Leilani: Gute Frage. Perfektionismus darf kein Käfig sein. Es geht um das Gefühl – wenn sich ein Trick gut anfühlt. Der Ehrgeiz treibt einen voran, aber man darf sich nicht an Kleinigkeiten festbeißen.
Wie ist das, gemeinsam im Weltcup-Team zu fahren?
Kona: Mir hilft es total, sie dabei zu haben. Wir können uns beruhigen, motivieren.
Leilani: Klar gibt es Rivalität, aber wir freuen uns ehrlich füreinander. Das war für mich am Anfang eine Umstellung, jetzt ist es eine große Stärke.
Wer tröstet wen nach schlechten Wettkämpfen?
Leilani: Gegenseitig. Zwölf Stunden darf man sauer sein – dann muss der Blick wieder nach vorne gehen.
Kona: Wir sind nicht immer im gleichen Zimmer, aber im gleichen Haus. Am Ende des Tages sind wir beide Athletinnen, beide auch mal angespannt im Tunnel. Ich glaube, je älter wir werden, desto enger sind wir.
Ihr wart beide schon bei Olympia: Leilani 2022 in Peking, Kona bei den Youth Olympic Games 2024. Was bedeuten euch die Spiele?
Kona: Nach Jugend-Olympia hat es noch mal an Bedeutung gewonnen. Man arbeitet jahrelang auf diesen Moment hin.
Leilani: Es ist eine riesige Ehre, für sein Land dort zu stehen. Diese Bühne, diese Gemeinschaft – das hat was Magisches. Unsere Sportart bekommt bei Olympia die Aufmerksamkeit, die sie verdient.
Wie wertvoll ist die Erfahrung von 2022 für 2026?
Leilani: Total. Es beruhigt zu wissen, dass es trotz der Größe ein vertrautes Umfeld ist. Und diesmal kann die Familie dabei sein. Das wird besonders.
Wie hilfreich ist die Surfkompetenz beim Snowboarden – und andersrum?
Kona: Das Brettgefühl, das Vertrauen – das überträgt sich.
Leilani: Und es schützt vor Burnout. Wenn du wechselst, bist du wieder frisch, hungrig.
Was zur Frage führt: Wie reizvoll wäre ein Start bei Sommer-Olympia auf dem Surfbrett?
Leilani: Wir haben schon drüber nachgedacht (grinst).
Kona: Es ist keine reine Spinnerei. Wir wissen aber auch, wie viel Arbeit das ist. Die Idee ist da – schauen wir mal.
INTERVIEW: ULI KELLNER