Raimund küsst sein Gold. © Wagner/Imago
Auf den Schultern von Felix Hoffmann und Pius Paschke (re.) jubelt Skisprung-Held Philipp Raimund über seinen Olympiasieg. Andreas Wellinger kommt dazu. © Karmann/dpa
Predazzo – Vermutlich ist Philipp Raimund mit einem Grinsen im Gesicht eingeschlafen und am Dienstag wieder damit aufgewacht – zumindest machte der deutsche Überflieger am späten Montagabend bei der Liveschalte aus Predazzo hinüber nach Cortina ins Deutsche Haus nicht den Eindruck, dass sich sein Gemütszustand in naher Zeit ändern könnte.
„Irgendwann komme ich zu euch und dann feiern wir“, kündigte der frisch gebackene Olympiasieger den Fähnchenschwinger im DOSB-Hauptquartier an. Nach seinem Normalschanzen-Coup gab‘s nur ein Bier auf dem Gang. Danach wartete mit dem gestrigen Mixed-Springen schon die nächste Medaillenchance. Dass es dort an der Seite von Selina Freitag, Felix Hoffmann und Agnes Reisch hinter Slowenien, Norwegen und Japan ganz knapp nur zum undankbaren vierten Platz reichte, dürfte für Raimund kein Drama sein.
Er hat alles gewonnen. Olympiagold mit 25 Jahren. Ohne einen einzigen Weltcupsieg. So wie die Kreutherin Viktoria Rebensburg (36) vor 16 Jahren in Vancouver. „Er soll das einfach genießen“, sagte Rebensburg. Auch Raimund ahnte bereits, dass „das Ding“ noch einen „riesigen Rattenschwanz“ hinter sich her ziehe. „Ganz vorbereitet bin ich darauf noch nicht.“
Während Rebensburgs Familie seinerzeit beim zweiten Riesenslalom-Durchgang schon im Flieger saß, hatte Raimund seine Lieben ganz nah bei sich – allen voran den großen Bruder Fabian (28), wegen dem der kleine Philipp einst mit dem Springen begann. Seinen Spitznamen „Hille“ hat er von seiner Schweste Sina, die Philipp anfangs nicht aussprechen konnte. Der jüngste im Clan: Bruder Joel, der extra eine Befreiuung von der Schule bekomme hatte. „Früher habe ich davon geträumt, dass ich Olympiasieger werde. Jetzt hat es Philipp geschafft. Das ist unglaublich“, sagte Fabian angefasst. „Wenn ich ihn gleich treffe, dann eskaliert es.“
Auch Stefan Horngacher jubelte. Man habe Streitgespräche gehabt, „das hat richtig gescheppert“, sagte der scheidende Bundestrainer. Doch die Beziehung hat sich eingependelt. Genau wie Raimund. Nassforsch erzielte der Schwabe vor drei Jahren die ersten Weltcuperfolge, zuletzt stagnierte die Entwicklung aber leicht. Der Sprücheklopfer machte sich ein Stück weit angreifbar. In Predazzo hat „Hille“ seine Energie – Felix Hoffmann hatte ihn mal als Duracell-Häschen bezeichnet – in die perfekte Balance gebracht.
„Vor dem ersten Sprung war ich scheiße-nervös“, sagte Raimund und gestand: „Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber ich bin so, so stolz drauf.“ 3,4 Punkte lag er letztich vor dem polnischen Überraschungs-Zweiten Kacper Tomasiak und dem Bronze-Duo Nikaido (Japan)/Deschwanden (Schweiz).
Die Medaille schloss Raimund schnell ein. „Die könnte ja kaputtgehen.“ Dann begann die Jagd auf weiteres Edelmetall. Chancen gibt es auf der großen Schanze am Samstag (Einzel) und am Montag (Super-Team). Das Einzige, das einen Olympiasieg toppt, ist noch ein Olympiasieg.
Das schaffte bislang nur Jens Weißflog (61) in Lillehammer 1994. Seine Goldene vom Montag wird erst zu Hause wieder ausgepackt. „Ich habe nicht die größte Wohnung, aber es wird sich schon ein Platz finden“, sagte Raimund. Er grinste.MATHIAS MÜLLER