Das historische Triple: Greis bei seiner Sternstunde in Turin 2006. © Imago
Ruhpolding – Natürlich lässt der Sport ihn auch heute noch nciht los. Michael Greis ist unter anderem Berater von Olympia-Teilnehmer Philipp Nawrath. Vor exakt 20 Jahren wurde Greis selbst zur Legende. Als bislang einziger Deutscher bei Winterspielen räumte er binnen von zwei Wochen drei Goldmedaillen ab.
Herr Greis vor 20 Jahren wurden Sie zum Gesicht von Olympia. In Turin machten Sie aus einer guten eine perfekte Saison. Wie kam es?
Gut für mich war, dass es mit dem Einzel begonnen hat. Den kann man ganz gut planen. Da kommt es auf die ein oder andere Sekunde am Schießstand nicht an, du musst halt treffen. Das hat mir gelegen, da habe ich im Jahr vorher den Disziplinweltcup gewonnen und war Vizeweltmeister auf der Distanz. Ich war bereit, für das große Ding.
Viele sagen: Die erste Medaille löst etwas aus. War es so?
Das tut gut, klar. Das gilt auch für die Mannschaft. Sven Fischer beispielsweise war so lange ein absoluter Top-Biathlet, aber Olympiasieger in einem Einzelrennen ist er bis dahin nie geworden. Der hat sich wohl gesagt: „Wenn der Michi das schafft, dann muss ich das auch schaffen.“ Vier Tage später ist er Olympiasieger im Sprint geworden. Für mich ging es in die Hose. Aber man muss auch sagen, nach dem Olympiasieg war ich einerseits im siebten Himmel. Anderserseits hing auch viel dran. Da mussten wir ja sogar zur Siegerehrung nach Turin fahren. Das waren auch zweieinhalb Stunden Fahrt und insgesamt war ein unglaublicher Trubel nach dem Erfolg.
Es kursiert die Geschichte, dass der damalige DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach Sie im besten Rallye-Stil ins Tal gebracht hat, um pünktlich zu kommen…
Ich glaube gar nicht, dass er selbst gefahren ist. Wenn ich mich Recht erinnere, dann haben sie uns einen Fahrer gestellt, der uns aber in Bestzeit nach Turin brachte. Stefan war sozusagen mein Koordinator, der mir gesagt hat, was ich wie machen muss. Mein Job war erledigt, ich habe mich hinten reingesetzt. Gesehen hat man eh nichts, weil es schon dunkel war, aber das war vielleicht nicht so schlecht. Wobei einem nach so einem Erfolg eigentlich alles egal ist. Da bekommst du so ein Gefühl, du schaffst alles.
In der Staffel gab es das gleich doppelt in ihrem Team. Kein schlechter Antrieb.
Das war dann für jeden ein Höhepunkt. Die Fahrt nach Turin war dann eine richtig coole Sache mit dem Gesängen: „Turin, Turin, wir fahren nach Turin.“ Da gingen die zweieinhalb Stunden schnell vorbei .
Sie hatten das Erlebnis ja noch ein drittes Mal. Der Massenstart feierte 2006 Premiere.
Mann gegen Mann, das hat mir irgendwie gelegen. Du brauchst halt ein bisschen Glück, dass du vor dem letzten Schießen in Position bist, wenn sich alles entscheidet. Das ging damals richtig gut auf und das Triple war perfekt. Um ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Erinnerung mehr, was danach mit mir passiert ist. Nur eines: Die Euphorie war Wahnsinn.. Nach der Medal Plaza war aber auch klar, dass wir nach 2x 2,5Std Fahrt das Triple noch richtig feiern mussten.
Wie fiel die Feier aus, nachdem dann tatsächlich alles vorbei war?
Wir feierten im deutschen Haus. Das ist ja vorher nicht unbedingt der Place to be, weil man ja fit sein will. Aber da war ein Besuch Pflicht. Leute vom Skiclub Nesselwang sind gekommen, inklusive meinem Vater, Onkel und vielen vom DSV-Team. Die Sperrstunde war für uns kein Thema, es war eine super Stimmung bis in die frühen Morgenstunden. Die Bobfahrer mit Andre Lange waren an dem Abend auch da. Bobfahrer können feiern…
Kann man die Leistung zu dem Zeitpunkt schon einordnen?
Das war mir damals nicht klar, war mir primär auch nicht wichtig. Ich habe mich einfach nur gut gefühlt. Später ging mir auf, wie besonders das war. Wo man einfach sieht: Sowas geht nicht auf Knopfdruck. Da ist der Flow entscheidend.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT