ZUM TAGE

Das IOC ist doch selbst politisch

von Redaktion

Skeletoni Heraskewytsch

In der Nacht flog Russland massive Raketenangriffe auf die Ukraine – wieder einmal. Am Donnerstag stand das IOC um seine neue Präsidentin Kirsty Coventry im Kreuzfeuer. Wegen eines Helms, auf dem rund 20 getötete ukrainische Athleten und Athletinnen abgebildet waren. Eine politische Botschaft! Sagte das IOC und verbot den Kopfschutz. Emotionale Mitleidsbekundung, argumentierte Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch – doch er fand kein Gehör.

Covenrty steckte in einem Dilemma. Der Fall bietet eindeutig einen Graubereich, in dem das IOC pro Heraskewytsch hätte entscheiden können. Dadurch wäre aber eine Art Präzedenzfall geschaffen worden und die Regel 50 der Olympischen Charta mehr als angeschossen gewesen. Die besagt, dass politische, religiöse oder rassistische Propaganda verboten ist.

Interessant: Als Vorsitzende der IOC-Athletenkommission stand Coventry 2021 einem Prozess vor, der die Regel 50 leicht aufweichen sollte. Man wolle „mehr Wege finden, um Unterstützung für die Werte, für die die Olympischen Spiele und der Sport stehen, zum Ausdruck zu bringen“, so Coventry vor fünf Jahren. Womöglich ist sie persönlich nicht zu 100 Prozent vom Status quo überzeugt. Als IOC-Präsidentin musste die 42-Jährige aus Simbabwe erstmals eine schwere Entscheidung treffen. Sie hat versagt – könnte man sagen. Aber vielleicht sind die Zwänge, innerhalb derer sie agiert, einfach zu groß.

Fest steht: Das IOC will keine poltische Botschaften senden – und tut es doch selbst. Denn inmitten des nach wie vor andauernden Angriffskriegs auf die Ukraine die Tür für Russlands Rückkehr in den Sport immer mehr zu öffnen, ist nichts anderes. Ein weiteres Beispiel: Taiwan. Der kleine Inselstaat, der um die Unabhängigkeit von China kämpft, muss seit 1981 bei Olympia als Chinesisch Taipeh antreten. Weil das IOC das so will.

Wladyslaw Heraskewytsch jedenfalls ist zu bewundern. Die Medaillenchancen des 27-Jährigen waren zwar gering, aber dennoch hat er für seine Überzeugung seinen Start, den Moment, auf den viele Athleten vier Jahren hinarbeiten, geopfert.

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