Eskalation im Helmstreit

von Redaktion

Ukrainischer Skeletoni ausgeschlossen – IOC-Präsidentin Coventry weint

„Es war ein wahnsinnig emotionaler Morgen“: IOC-Präsidentin Kirsty Coventry mit Tränen. © Shbair/DPA

Völlig aufgelöst: Mychajlo Heraskewytsch, der Vater von Wladyslaw, weinte. © Shbair/DPA

Den Helm mit dem Konterfei getöteter ukrainischer Athleten durfte Heraskewytsch nicht tragen. © Michael/DPA

Cortina – Sein Vater weinte hemmungslos, Wladyslaw Heraskewytsch stand emotional angefasst im Ziel und sogar bei IOC-Präsidentin Kirsty Coventry flossen die Tränen. Sie alle hatten gewollt, dass der ukrainische Skeletoni durch die Eisrinne rasen darf, nur fand man nach tagelangen Diskussionen auch am Donnerstag keinen Kompromiss.

Heraskewytsch wollte mit einem Helm starten, auf dem die Konterfei getöteter ukrainischer Athleten abgebildet waren. Das IOC beharrte auf seiner Charta, die Meinungsäußerungen im Wettbewerb untersagt. Heraskewytsch sah es anders: „Ich habe keine Regeln verletzt. Mir ist mein olympischer Moment gestohlen worden!“

Die formale Disqualifikation sprach der Rodelverband IBSF aus, das IOC entzog dem 27-Jährigen zunächst die Akkreditierung. Die Doppel-Bestrafung wurde zurückgenommen, der Athlet darf im Olympischen Dorf bleiben. Noch ist nicht ganz klar, wie es weitergeht. „Wir werden einen Fall für den Cas vorbereiten“, sagte Heraskewytsch. Die Ad-hoc-Kommission des Internationalen Sportgerichtshof Cas könnte theoretisch jederzeit tagen. „Ihre Aufgabe ist es, sehr zeitnah Abhilfe zu schaffen“, sagte IOC-Sprecher Mark Adams.

Kirsty Coventry gab im ZDF Auskunft. „Ich hätte ihn gern im Rennen gesehen. Es war ein wahnsinnig emotionaler Morgen“, sagte die IOC-Präsidentin mit roten Augen. Der Ausgeschlossene bestätigte: „Ich habe die Präsidentin als nervös empfunden. Warum, das weiß ich nicht. Ich hoffe, es war, weil sie mich wirklich gerne fahren gesehen hätte.“

Heraskewytsch beantwortete alle Fragen gedulig, aber niedergeschlagen. Bei einer Nachfrage musste er besonders schlucken? Ob ihm jemand abgeraten hätte, so aufzutreten? „Ja“, sagte der Ukrainer, macht eine kurze Pause, und ergänzte: „Meine Mutter und meine Großeltern machen sich Sorgen.“ Denn natürlich ist sein Ausschluss zwar eine individuelle sportliche Entscheidung, doch die Signalwirkung ist immens. Ukraines Außenminister Andrij Sybiha sprach von einem „Moment der Schande“. Das Nationale Olympische Komitee erklärte hingegen: „Ein Sieg für Wladyslaw. Ein Sieg für das ganze Land.“

Das Kompromiss-Angebot des IOC, anstatt des Helms ausnahmsweise einen Trauerflor tragen zu dürfen, lehnte Heraskewytsch entschieden ab. Der norwegische Skifahrer Atle Lie Mcgrath hatte beispielsweise davon gebraucht gemacht, nachdem sein Opa während der Eröffnungsfeier verstorben war. Die Situation ist natürlich nicht vergleichbar. Heraskewytsch betonte: „Ich habe nie darüber nachgedacht, nicht mit dem Helm zu starten.“

Pikant: Der italienische Snowboarder Roland Fischnaller trug vor ein paar Tagen einen Helm, auf dem die Flaggen aller Länder, in denen er an Winterspielen teilgenommen hatte, abgebildet waren. Darunter wegen Sotschi 2014 auch die russische Flagge. „Das IOC hat russische Flaggen verboten. Aber er hat keine Bestrafung bekommen, das verstehe ich nicht“, sagte Heraskewytsch.

Rodler Felix Loch, der sich in der Ukraine-Hilfe engagiert, konnte den Zeitpunkt des Rauswurfs nicht nachvollziehen. „Es ist schade, dass er nicht fahren durfte“, sagte der 36-Jährige. „Man hat sich in einem Graubereich bewegt. Ich hatte das Gefühl, dass keiner die Entscheidung treffen wollte und die Entscheidung auf die lange Bank geschoben wurde.“

Dajana Eitberger, mit Heraskewytsch befreundet, erkannte an, dass es „leider Regeln“ gäbe. Aber: „Ich sage immer: Politik und Sport lässt sich heutzutage gar nicht mehr trennen.“ Das sieht das IOC nach wie vor anders. Daran ändern auch die Tränen der Kirsty Coventry nichts.MATHIAS MÜLLER

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