„Ich rechne immer mit einer Medaille“

von Redaktion

Biathlon-Legende Pichler über Bronze mit Bulgarien und die Chancen von Preuß

Wolfgang Pichler, Bulgariens Cheftrainer aus Ruhpolding. © Ekströmer/Imago

Antholz – Die Bulgarin Lora Hristova (22) hat mit ihrer Bronzemedaille beim Einzel am Mittwoch für die bisherige Überraschung in Antholz gesorgt. Trainiert wird sie von niemandem geringeren als Biathlon-Legende Wolfgang Pichler. Unsere Zeitung traf den 71-Jährigen in den Katakomben der Arena.

Herr Pichler, Gratulation! Ihre wie vielte Medaille ist das als Trainer?

Die Fünfzigste oder so. Bei Olympia bin ich jedenfalls seit 2002 nicht mehr ohne Medaille heimgefahren.

Wann und wie hat das mit Bulgarien begonnen?

Vor etwa eineinhalb Jahren wurde ich gefragt, weil die IBU ein Programm entwickelt hat, das die kleinen näher an die großen Nationen heranbringen soll. Ich habe gesagt, dass ich helfe, aber nicht reise. Immer ständig zum Flughafen, das brauche ich nicht mehr, das nervt mich.

Sie sind offiziell Berater, richtig?

Consultant. Offiziell. Ich hab‘ erst mal geschaut, was ein Consultant macht. Es hieß, dass sind die, die wenig arbeiten, aber viel Geld verdienen. Meine Frau hat bezweifelt, dass das bei mir so kommen wird. (lacht) Aber, ich hab‘ dann halt angefangen.

Und?

Ich hab‘ gleich gemerkt, dass ich den Haufen übernehmen muss, weil da hat Chaos geherrscht. Ich schaff‘ also an. Ich gestalte die Trainingspläne. Es wird gemacht, was ich sage.

Haben Sie in Lora gleich Potential erkannt?

Sie war bei der WM vergangenes Jahr in Lenzerheide schon 13. im Einzel. Das Problem war aber, dass sie zu schwach im Laufen war. Wir hatten heut mit ihr und Milena Todorova zwei Eisen im Feuer – eines hat gestochen.

Man spürt Ihre Freude.

Ich bin sehr stolz. Weil, wenn ich uns mit den großen Teams vergleiche, sind wir eine richtige Bamberl-Mannschaft. Wir haben zum Beispiel nur drei Wachser, aber jetzt eine Medaille. Das ist eigentlich unglaublich, deswegen ist sie im Vergleich mit meinen anderen Erfolgen auch hoch einzuordnen.

Damit konnte auch niemand rechnen.

Doch. Ich rechne immer mit einer Medaille. So viel Selbstbewusstsein habe ich. Nach der Mixed-Staffel wusste ich, dass was geht. Die Form stimmt, unser Material auch.

Ex-Biathlet Michael Rösch kommt vorbei und ruft: „Ha, Wolfi. Haben wir noch darüber geredet.“ Pichler antwortet: „Ja, ich habe dir noch gesagt, jetzt werden wir sehen, ob ich ein guter Trainer bin oder nicht.“

Frau Hristova ist beim Schießen cool geblieben, im Gegensatz zum Beispiel zu Franziska Preuß.

Na ja, für uns ist es viel leichter, weil bei uns niemand etwas erwartet. Das letzte Schießen von Franzi hat mich nicht gewundert. Nicht falsch verstehen, ich bin ein Fan von ihr. Aber das missglückte Schießen in der Staffel war schon blöd für sie. Zudem hat sie Druck, sie will die Medaille, und das ist so schwer.

Währen des Gesprächs gehen zahlreiche Gratulanten vorbei, darunter auch DSV-Präsident Franz Steinle. Jetzt kommt ein Mitglied des bulgarischen Teams und klatscht mit Pichler ab. „Unbelievable“ (Unglaublich!), sagt der Bulgare. Pichler darauf: „Follow your dreams.“ Dann wendet er sich wieder unserer Zeitung zu.

You understand. Ah, tschuldige. Also noch zu Franzi: Aus ist Olympia erst am letzten Tag. Bis dahin hat sie eine Chance. Aber mit jedem Tag wird der Rucksack größer. Ich hoffe, sie macht noch eine Medaille.

Follow your dreams – den Träumen folgen. Ist das Ihr Motto?

Wenn man Träume hat, kann man etwas erreichen. Das habe ich bei Nils van der Poel gemerkt, der war der Knackpunkt in meiner Trainerlaufbahn. Der ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass er der beste der Welt werden will. Ich habe gesagt: Spinnst du? Ich dachte: Was ist denn das für ein Vogel? Aber der war knallhart, mit dem konntest du arbeiten. Am Ende hat er die Eisschnelllauf-Welt zerstört.

INTERVIEW: MATHIAS MÜLLER

Artikel 1 von 11