Steinbrecher nahm vor 20 Jahren die Zuschauer mit.
Mit Biathlon-Gewehr: Hartmann und Schmidt. © Sessner
Wenn die Sportfreunde Stiller im Ersten zum 63. Mal am Tag „Ti amo, Italiano“ röhren, und wenn einen die ARD-Twitter-Else wieder mit dem Unlustigsten aus dem Netz verstört – dann ist die Olympia-Amore akut von Scheidung bedroht. Das gilt auch fürs Zweite, wenn KMH zum 41. Mal verrät, dass im Livestream „richtig Alarm“ ist. In solchen kritischen Situationen, wenn Denise Herrmann-Wick über „Komplex-Leistungen“ beim Biathlon referiert, denkt man sich ganz unkomplex: Früher war’s geiler. Zum Beispiel 2006, beim letzten Alpen-Olympia in Turin. Wir sind durch die Gnade der frühen Geburt in der Lage, den ultimativen Italo-Vergleich zu liefern. Fazit: Damals war TV-Olympia genauso schlimmschön wie heute.
– Waldi und Harry: Die kuriose Bromance von Waldemar Hartmann und Harald Schmidt war die Attraktion von Turin. Wenn man das heutige Schaffen der Herren betrachtet, klingt das bedrohlich, damals war’s der Knaller. Die beiden waren so richtig vor Ort, in Italien! Nix mit Mainzer TV-Knast, wie heute. Damals hatten die Öffis noch Zaster. Harald Schmidt verriet: „Dank Curling spar ich mir 30 Euro für den Porno im Hotel.“ Ebenfalls molto erotico: Kati Witt rodelte auf dem Hacklschorsch. Nicht alles war lustig bei Waldi und Harry, aber alles besser als die Alternative, so unsere Zeitung: „Wenn es die beiden nicht gäbe, würde an dieser Stelle Reinhold Beckmann senden. Und das kann keiner wollen.“
– Steinbrecher statt KMH: Bevor Katrin Müller-Hohenstein übernahm, war Michael Steinbrecher der Mann fürs Betroffen-Schauen beim ZDF. Wer sich mehr für Trost und Seelenmassage interessierte als für Wintersport, der war bei Steinbrecher richtig. Der einfache Diener im Lerchenberg des Herrn verstand Pein und Nöte seiner Zuschauer. Er lächelte behutsam: „Ich weiß, wie das ist, Sie kommen nach Hause und haben zwei Goldmedaillen verpasst. Aber wir lassen Sie nicht allein.“ Amen. Von Michael Steinbrecher lernen, heißt Labern lernen. Davon lebt der ZDF-Sport bis heute.
– Die Kunst des Übergangs: Auch hier hat sich nicht viel verändert. 2006 dichtete Petra Bindl im ZDF: „Es sind die Spiele der langen Wege. Ein kurzer Weg hingegen ist es zu meinem Kollegen Rudi Cerne.“ Zwanzig Jahre später klingt das bei Stephanie Müller-Spirra so: „Wir sind gespannt, was da noch geht bei Emma Aicher. Und auch bei uns geht heute so einiges.“ Wir werden 2046 bei Winter-Olympia im Dubai-Tal kontrollieren, ob immer noch so ulkig übergeben wird.
– Der Rest von 2006: Gerhard Delling entführte einen in seine schräge Winter-Wortspiel-Welt. Als Ireen Wüst das Eisschnelllaufen gewann, ließ Delle ein lässiges „Sie hat die Konkurrenz verwüstet“ fallen. Wenn Norwegerpulli-KMH 2026 verrät, dass sie eine „Frierbirne“ ist, war ihr Monica Lierhaus zwanzig Jahre voraus. Sie fröstelte sich als Frau Frierhaus tapfer durch Olympia und gab zu: „Bei mir müsst ihr von der Temperatur immer minus zehn Grad abziehen.“ Jens Weißflog analysierte den „Görberwingl“ der Skispringer – da sind wir heute mit Sven Hannawald besser dran. Und das ZDF hat sich 2006 als Olympia-Musik „Sorry“ von Madonna di Campiglio ausgesucht, weil das ebenfalls in Italien liegt. Okay, der Flachwitz könnte auch von Delling sein.JÖRG HEINRICH