Wenn eine Goldmedaille als sicher vergeben galt, dann im Eiskunstlauf der Männer. Seit zwei Jahren hatte Wunderkind Ilia Malinin keinen Wettkampf mehr verloren. Der US-Amerikaner lässt selbst Vierfachsprünge so leicht aussehen, dass man beim Zuschauen vergisst, dass sich der Mann in der Luft VIER MAL um die eigene Achse dreht. Ein Großteil der Zuschauer am TV dürfte schon beim Versuch sich auf dem Wohnzimmerboden einmal zu drehen, wackeln.
Malinin ist nicht gewankt. Er ist gefallen, böse. Auf den Boden der Tatsachen. So verzückt man sonst seiner Kür folgt, so schwer fiel es, die Hilflosigkeit diesen hochtalentierten Manns am Freitagabend mitanzusehen. Für den Weltmeister der vergangenen zwei Jahre muss es sich furchtbar angefühlt haben. Vier Jahre Vorbereitung endeten in den schlimmsten vier Minuten seines sportlichen Lebens. Der Vierfachgott ist am Erwartungsdruck zerbrochen. Mit 21 Jahren ist er eigentlich noch wahnsinnig jung und doch hat er in seiner Sportart wohl nur noch maximal zwei Olympia-Chancen.
Eigentlich sind Sportler darauf getrimmt, im Moment X abzuliefern. Ausnahmekönnern wie Malinin oder den Ski-Stars Mikaela Shiffrin und Marco Odermatt gelingt das bewundernswert oft. Aber das Gewicht der Ringe kann schwer wiegen.
Der Schweizer reist ohne Gold aus Italien ab. Am Samstag schlug ihn in seiner Paradedisziplin ausgerechnet Lucas Pinheiro Braathen. Der gebürtige Norweger startet mittlerweile für Brasilien, das Land seiner Mutter. Er kehrte dem Weltcup zwischenzeitlich ein Jahr den Rücken, weil er sich im norwegischen Verband seiner mentalen Freiheit beraubt sah.
Die US-Amerikanerin hat nach ihrem Peking-Drama (sechs Starts ohne Podest) im Team die erste Chance vermasselt. Shiffrin sei eben ein „Mensch und keine Maschine“, sagte Kira Weidle-Winkelmann. Seit Freitag weiß die Welt, dass auch der Vierfach-Gott kein Außerirdischer ist.
Braathen hingegen ist jetzt unsterblich. In Brasilien, sagte der 25-Jährige einst, seien Athleten nicht nur Athleten. „Sie sind Götter.“