Mailand/Landshut – Was war das nun ein Tag für das deutsche Eishockey? Ein gemischter.
Hell strahlte die Vergangenheit. Im Landshuter Zeughaus trafen sich am Samstagabend zwei große olympische Generationen, die Bronzemedaillengewinner von Innsbruck 1976 (die noch lebenden fast komplett) und die Silberhelden von Pyeongchang 2018 (vor allem die bereits in den Ruhestand gewechselten), die Altersspanne reichte von Sinan Akdag (36) bis Ernst Köpf senior (86). Organisiert hatte die Zusammenkunft der umtriebige 76er-Kapitän Alois Schloder (78) mit einem Jahr Vorlauf und dem Blick auf den Olympia-Spielplan in Mailand: Mittagspartie der aktuellen deutschen Nationalmannschaft gegen Lettland am 50-Jahre-Bronze-Termin – das musste doch gutgehen.
Tat es nicht. 3:4 verloren die deutschen Männer das Gruppenspiel in Milano, ein ziemlicher Dämpfer nach dem 3:1 zum Auftakt gegen Dänemark. Und auch wenn das am Sonntag spät (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) anstehende Match gegen die USA noch die Option ließ, per Gruppensieg direkt ins Viertelfinale einzuziehen, war doch der Gedanke gegenwärtig, dass eine komplizierte Viertelfinal-Qualifikation am Dienstag auf das Team von Bundestrainer Harold Kreis warten würde und das mit großer Erwartung verbundene Turnier für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) schnell zu Ende sein könnte. Auch für die Frauen setzte es eine Niederlage, im Viertelfinale gegen Kanada die erwartete, mit 1:5 aber verträgliche, Kategorie „ehrenvoll“.
Franz Reindl, 1976 Jungspund des Bronze-Teams, verband am Samstag Milano und Landshut. Zusammen mit Peter Merten, dem DEB-Aufsichtsratsvorsitzenden, verließ er um 14.26 Uhr die Halle in der italienischen Olympia-Hauptstadt und lief am Samstag um 19 Uhr in Landshut ein. Reindl erinnerte sich an das Kuriosum von 1976, als die deutsche Mannschaft die Medaille aufgrund des gegenüber Finnland um 0,041 besseren Torquotienten gewann. Heute ist er Mitglied im Council des Weltverbandes IIHF und sagt: „Diese Regel ist immer noch ein Thema – und keiner kapiert sie.“ 2026 sei der Modus klarer: „Man muss das vierte Spiel gewinnen.“ Das ist die Qualifikation der schlechteren acht (von zwölf) Vorrundenteams fürs Viertelfinale.
Peter Merten erzählte aus seiner Zeit als Wissenschaftler, Fachgebiet Katastrophentheorie. Da geht es um den Schmetterlingseffekt und darum, was ein Flügelschlag auslösen kann, mal ins Gute, mal ins Schlechte. Aufs Lettland-Spiel übertragen: Klare Tendenz zum Negativen. „Es gibt so Tage, an denen die Scheibe nicht reingeht“, sagte in Mailand Harold Kreis. Superstar Leon Draisaitl hatte zehn der 29 deutschen Torschüsse, der NHL-Stürmer stand 28:30 von 60 Minuten auf dem Eis. Auch die weiteren Größen von drüben (Seider 27:41, Peterka 26:25, Stützle 26:14) wurden stark beansprucht, während andere kaum zum Einsatz kamen. Fürs Teamgefüge vielleicht nicht so gut?
Sieht zumindest die frühere Generation nicht so. „Wir Jungen mussten 1976 dem Erich (Kühnhackl) die Tasche tragen und für den Alois (Schloder) die Pucks zusammenklauben“, weiß Franz Reindl noch. Es hat ihn nicht gestört. Er ordnet sich seinem damaligen Kapitän noch immer unter und brachte ihm einen Puck aus dem 3:4-Spiel vom Nachmittag gegen Lettland mit. GÜNTER KLEIN