Es ist ein Schicksalsspiel

von Redaktion

Mahnende Worte von Ex-Kapitän Müller vor Viertelfinal-Qualifikation gegen Frankreich

Wieder mehr Eiszeit: Moritz Müller. © DEB/City-Press

Mailand/München – „Eine Übermannschaft“ nannte Leon Draisaitl das Team der Amerikaner – und er hat vollkommen recht. Das sagen auch die Zahlen. Rechnet man die Gehälter der 25 US-Profis, die allesamt in der NHL unter Vertrag stehen, zusammen, ergeben sich über 184 Millionen Dollar, die in dieser Saison verdient werden. In der Liga-Realität gäbe es einen solchen Kader nicht, denn kein Club darf Personalkosten über 95,5 Millionen Dollar haben. Team USA ist also (wie auch Kanada oder Schweden) höher einzuschätzen als der aktuelle Stanley-Cup-Gewinner Florida Panthers. Und das ist der Reiz dieses Olympia-Turniers: Es ist wirklich „Best on best“.

Die Rechnung kann man auch bei den Deutschen aufmachen. Die Gehälter der Nordamerikaner sind einsehbar (von den 200000 Dollar für Wojciech Stachowiak bis zu den 14 Millionen für Leon Draisaitl). Die des Schweiz-Legionärs Dominik Kahun und der DEL-Spieler muss man schätzen – unterm Strich stehen 54 Millionen. Das Team wäre viel zu billig für die NHL, es könnte nicht mithalten. Trotzdem ist die Erwartung in Deutschland bei Olympia halt groß, weil es all die NHL-Spieler (sieben Stück) auf einem Fleck sonst nicht zu sehen gibt. Dem Vorschuss an Begeisterung ist die deutsche Nationalmannschaft („Beste aller Zeiten“) noch nicht gerecht geworden. Das 3:1 gegen Dänemark – okay. Das 1:5 gegen die USA – war so, siehe oben, zu erwarten. Enttäuschung hinterließ das 3:4 dazwischen gegen Lettland.

Doch das dritte Tor, erzwungen von der deutschen NHL-Armada, die die letzten dreieinhalb Minuten durchspielte, bewirkte zumindest einen glücklichen zweiten Platz in der Vorrundengruppe. Und bescherte einen auf dem Papier leichten Gegner für die Viertelfinal-Qualifikation heute (12.10 Uhr): Frankreich, bisher Serienverlierer: Schweiz 0:4, Tschechien 3:6, Kanada 2:10. Und die Franzosen haben nur einen NHL-Akteur: Alexandre Texier (Montreal, eine Million). Der Sieger aus Deutschland – Frankreich erreicht das Viertelfinale gegen die Slowakei. Es besteht eine greifbare Chance, dass die Deutschen noch ins Turnier kommen.

Für die Spieler verbietet es sich, über das „Do or die“-Match hinauszublicken. Ein (unausgesprochenes) Ziel ist es auch, die Image-Katastrophe abzuwenden, die mit einem schnellen Aus verbunden wäre. Es ist ein Schicksalsspiel – und in Mailand der Anlass, zu dem Moritz Müller sich zu Wort meldet. Der 39-jährige Ex-Kapitän mahnt: „Wir haben ganz tolle Eishockey-Spieler, die zu den besten auf der Welt gehören. Aber wir können nicht denken, dass wir denen jedes Mal, wenn sie auf dem Eis sind, die Scheibe geben, und dann ein Wunder passiert. Wir müssen auch als Mannschaft auf diesem Niveau spielen.“ Bundestrainer Harold Kreis verteilte gegen die USA die Eiszeiten gleichmäßiger, der eh quasi manngedeckte Draisaitl wurde nach fast einer halben Stunde Einsatzzeit gegen Lettland auf unter 20 Minuten gehalten. Und der alte Müller spielte elf statt drei Minuten.

Das erste Drittel gegen die USA nennt Kreis „unsere Benchmark, unsere besten 20 Minuten“. Moritz Seider korrigierte leicht: „Bis auf die letzten achteinhalb Sekunden.“ Da erzielte die Übermannschaft die Führung.GÜNTER KLEIN

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