BOB

Harte Männer ganz weich

von Redaktion

Lochner denkt im Triumph an die Familie, Fleischhauer an die verstorbene Mutter

Das Gold-Duo dominierte die vier Läufe. © Michael/DPA

Deutsches Podest: Neben Fleischhauer/Lochner feierten auch Schüller/Friedrich und Ammour/Schaller. © Michael/DPA

Lochners Lebenstraum: Endlich die Goldmedaille. Dementsprechend emotional fiel der Jubel mit Anschieber Georg Fleischhauer aus. © Rellandini/AFP

Cortina – Im Ziel, mit der ersehnten Goldmedaille um den Hals, wurden die starken Bob-Männer ganz weich. „Das ist die geilste Zeit meines Lebens. Aber auch die wird enden, und dann freue ich mich auf meine Familie“, sagte Pilot Johannes Lochner (35) nach seiner nie gefährdeten Triumphfahrt im Cortina-Eiskanal. Ehefrau Hannah und seinen Eltern fiel er überglücklich in die Arme. Nur Söhnchen Jonas war am späten Abend natürlich schon im Bett – im Hotel gehütet von der „guten Fee“ – Schwiegermutter Heidi. „Großen Dank, dass sie sich geopfert hat“, so Lochner.

Auch für Georg Fleischhauer spielte seine Mutter am größten Tage seiner sportlichen Karriere eine große Rolle. Die Geschichte dahinter ist eine traurige. Irene Fleischhauer verstarb im August 2022 an Krebs, kurz bevor ihr Sohn von der Leichtathletik in den Bobsport wechselte. „Ich hätte mir gewünscht, dass sie das hätte miterleben können“, sagte der Anschieber. Zumindest indirekt war sie dabei, ganz nah an seinem Herzen. „Ich habe ein Bild von ihr im Rennanzug gehabt“, so der 37-Jährige. Immerhin sein Vater war an der Bahn.

2012 hofft er noch, es als 400-Meter-Hürdensprinter nach Paris zu schaffen, doch der Traum sollte platzen. Es folgten viele Verletzungen, depressive Phasen und die Krebsdiagnose seiner Mutter. Rein zufällig traf der Potsdamer Fleischhauer 2022 auf den Bayer Lochner, der einen neuen starken Mann suchte. Die erste Testfahrt lief gut. „Ich wurde von Hansi und seinem Umfeld total herzlich aufgenommen“, sagt der 100-Kilo-Muskelkoloss, der als Nebenerwerb einen Account auf der Erotik-Plattform OnlyFans pflegt, „das fühlt sich wie Familie an“.

Zusammen schaffte das Duo im Zweier, was in den vergangenen zwei Olympia-Ausgaben niemandem gelungen ist: Francesco Friedrich zu besiegen. „Hansi hat verdient gewonnen, das muss man neidlos anerkennen“, sagte der entthronte Dominator an der Seite seines Anschiebers Alexander Schüller. „Er ist uns um die Nase gefahren. Die haben da irgendwas gefunden.“

Lochner konnte auf die Nachfrage nach seinem Materialgeheimnis nur lachen: „Wir fahren einfach besser. Der Start ist ausschlaggebend, da waren wir früher zu weit weg.“ Das hat sich geändert. Dank Georg Fleischhauer. Der im Übrigen vor zwei Jahren den Abwerbungsversuchen von Friedrich widerstand. Kurios: Zum Bob brachte ihn ausgerechnet Friedrichs Heimtrainer Gerd Leopold. Doch damals war die Konkurrenz noch zu groß.

Weil auch Adam Ammour und Alexander Schaller (Vorsicht: nicht der Schüller) überzeugten, feierte Team D den ersten Dreifachtriumph dieser Spiele. Geht es nach den Protagonisten, soll das im Vierer (Entscheidung am Sonntag, 10 Uhr) so weitergehen. In der Reihenfolge? „Wir sind voll motiviert. Wir wissen, denke ich, was wir tun“, sagte Friedrich. Nicht unbedingt eine Kampfansage. Ganz anders Lochner: „Wir haben noch zwei Jungs, die heiß sind, die die Füße nicht mehr stillhalten können. Die wollen auch die Medaille.“ Einer davon: Friedrichs Ex-Anschieber Thorsten Margis.

Für Lochner wird es der letzte große Auftritt. Seine Frau Hannah ließ extra „Last-Dance-Shirts“ anfertigen. Pläne für danach gibt es schon. Seinem Sohn Jonas, dessen erste Schritte er aufgrund eines Weltcups verpasste, will „Hansi“ das Skifahren beibringen.MATHIAS MÜLLER

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