Mit Ex-Kollegin Viktoria Rebensburg (li.) © Kappeler/dpa
Erstes Tor, aus der Traum: Lena Dürr fädelte im Slalom nach 1,3 Sekunden ein.
Trost für Dürr: Champion Mikaela Shiffrin. © Bertorello/AFP
Ihre Karriere will Lena Dürr fortsetzen, bei Olympia wird man sie nicht mehr sehen. © Kappeler/dpa
Cortina – Lena Dürr schmiss ihren Rucksack auf den Boden und rannte los. Eine Flucht von diesem vermaledeiten Berg, von den für sie verteufelten Spielen – man hätte es nach dem Slalom-Einfädler am ersten Tor verstanden. Aber die 34-Jährige dachte nicht daran. Im Gegenteil. Dürr wollte miterleben, was ihr tief im Herzen vielleicht die größten Schmerzen bereitete: die Siegerehrung von Olympiasiegerin Mikaela Shiffrin (USA), Camille Rast (Schweiz) und der Schwedin Anna Swenn Larsson.
„Das werde ich in meinem Leben nicht mehr sehen“, sagte Dürr zurück bei der Reportertraube. Rund 45 Minuten zuvor hatte ihr das Schicksal erneut einen rechten Haken versetzt, den wohl selbst größte Lebenspessimisten nicht hätten vorhersehen können.
Auf Rang zwei liegend, schob sich Dürr im zweiten Durchgang aus dem Starthaus. Sie wollte es besser machen als vor vier Jahren in Peking, als sie als Führende die Medaillenränge um läppische 0,07 Sekunden verfehlte. Besser als vor ein paar Tagen im Riesenslalom. Da stand Dürr mit einem Skischuh auf dem Podest – bis sie kurz vor dem Ziel eine Welle verfehlte.
Doch auch an diesem Mittwoch, den 18. Februar 2026, hatte das Universum andere Pläne für die Germeringerin. Dürr stieß sich aus dem Starthaus, schob mit beiden Stöcken an, setzte zum ersten Rechtsschwung an und fädelte am ersten Tor ein. Nach 1,3 Sekunden waren alle Medaillenträume wieder einmal zerplatzt. „In dem Moment hat man keinen Gedanken“, erklärte Dürr. „Da kommt dir nichts in den Sinn. Da bist du blank.“ Das letzte Mal passierte ihr dieses Missgeschick bei „einem FIS-Rennen vor 15 Jahren“.
Im Ziel wirkte sie überraschend gefasst. Glasige Augen, fast keine Tränen. Womöglich eine Schutzhaltung, vielleicht aber auch die Reaktion einer Athletin, die gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen. Es sei eine „Katastrophe“ und ein „beschissenes Gefühl“. Das war es aber auch an Emotion. Nicht jeder schleudert seine Stöcke weg und stapft in den Wald wie der Norweger Atle Lie Mcgrath. „Man kann eine Stunde da oben liegen, aber irgendwann muss man runter“, so Dürr. Die schwierige Beziehung zu Olympia dürfte mit diesem Drama enden. „In vier Jahren die Ringe zu sehen, das ist absolut unwahrscheinlich“, sagte sie, auch wenn sie ihre Karriere fortsetzen will.
Auch Shiffrin, der dieses Malheur „noch nie“ passiert sei, litt mit. „Ich wollte Lena nur umarmen. Ich habe sie jeden Tag gesehen. Sie hatte alles gegeben. Sie ist eine meiner Lieblingskonkurrentinnen“, sagte das US-Girl und wurde selbst emotional. Mit Blick auf den Tod ihres Vaters Jeffs, der 2020 vom Dach des Familienhauses gestürzt war, sagte Shiffrin: „Es fällt mir schwer, ohne meinen Vater durchs Leben gehen zu müssen. Heute ist der erste Tag, an dem ich das akzeptieren kann.“MATHIAS MÜLLER