Eine geschlagene Mannschaft: Deutschland verlor 2:6 gegen die Slowakei. © dpa/Peter Kneffel
Mailand/München – Auf dem Papier ist es in Ordnung, bei den Olympischen Spielen das Viertelfinale erreicht zu haben und das Halbfinale nicht mehr. Denn ihre besten Spieler aus der NHL hatten die anderen Nationen in Mailand auch zur Verfügung, die großen sogar einige mehr. Und dennoch schmeckt das Aus so bitter wie der Senf, den sich Starspieler Leon Draisaitl zuführt, wenn ihm bei hoher Belastung Krämpfe drohen. Weil der Turnierbaum der deutschen Nationalmannschaft einen Gegner zugewiesen hatte, den zu schlagen im Bereich ihrer Möglichkeiten gelegen wäre. 2:6 (0:1, 0:3, 1:2) verlor sie gegen die Slowakei.
Und sie verpasste so vieles: Werbung fürs deutsche Eishockey zu betreiben ein Jahr vor der Heim-Weltmeisterschaft. Den nach Olympia- und WM-Silber von 2018 und 2023 losgetretenen Boom (Neuanmeldungen, Zuschauerzahlen) zu festigen. Die vielleicht einmalige Gelegenheit, die beste Generation an NHL-Spielern in der deutschen Geschichte im Team zu haben, führte zu einem Ergebnis, dessen Erschütterungen in den nächsten Wochen spürbar werden: Ist Bundestrainer Harold Kreis, dessen Vertrag eben erst bis 2027 verlängert wurde, zu halten? Wie wird der Kader für die WM im Mai in der Schweiz aussehen, bei dem man wieder vermehrt auf die Spieler aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) angewiesen ist, die sich bei der Olympia-Nominierung zurückgesetzt fühlten? Und bleibt bei denen, die dabei waren, so etwas wie ein Olympia-Trauma? Frage auch: Wird sich in absehbarer Zeit wieder ein Teamgeist entwickeln, wie er das Markenzeichen des DEB-Teams war?
Aus der Qualität Einzelner ergab sich keine Qualität in Summe. Leon Draisaitl, der Topstar aus Edmonton, war auch im Viertelfinale der Initiator der meisten guten Szenen. Der Kapitän kämpfte gegen den Frust an, abermals eng gedeckt zu werden, er lieferte sich Trashtalks mit den Slowaken und haderte mit dem kanadisch-amerikanischen Schiedsrichter-Duo, das einige Fouls an ihm ungeahndet ließ. Draisaitl geht mit sieben Scorerpunkten aus fünf Partien aus dem Turnier, das ist sein NHL-Schnitt – und dennoch muss er Olympia als Niederlage verbuchen. „Es tut weh“, sagte er. Er konnte die Mannschaft nicht mitreißen. Seine Klasse ließ die meisten Mitspieler in der (Selbst-)Wahrnehmung schrumpfen. Harold Kreis und sein illusterer Trainerstab (die DEL-Headcoaches Alexander Sulzer und Serge Aubin sowie der aus der NHL dazugeholte Jamie Kompon von Stanley-Cup-Champion Florida Panthers) betonten mit den Personalentscheidungen die sportliche Zweiklassengesellschaft im Kader. Die NHLer hatten Eiszeiten zwischen 20 und 28 Minuten, bei anderen blieb sie einstellig. Stürmer Justin Schütz (Mannheim) durfte keine Sekunde spielen.
Gegen die Slowakei ging es schnell dahin: Gegentore zu unglücklichen Zeitpunkten (0:1 kurz vor Schluss des ersten und 1:5 zu Beginn des letzten Drittels), Konter (Draisaitl: „Ich weiß nicht, wie viele wir zugelassen haben“) zum 0:2 und 0:3 binnen 35 Sekunden, massig individuelle Fehler (bei den Verteidigern Kälble, Jonas Müller, Wissmann). Eigene Tore gelangen Lukas Reichel (1:4/31.) und Frederik Tiffels (2:5/50.). Vier Minuten vor dem Ende ging Torwart Grubauer vom Eis, 33 Sekunden später lag der Puck in seinem Netz – 2:6. „Völlig enttäuschend“, resümierte Nico Sturm, „defensiv Schweizer Käse.“ Moritz Seider erkannte: „Mit der Brechstange wird es selten was.“
In die Kabine entschwanden 22 deutsche Spieler, die menschlich kein Problem miteinander haben, aber sich sportlich nicht gefunden hatten. GÜNTER KLEIN