„Wir sind wie die Klempner“

von Redaktion

FES-Boss Michael Nitsch über die deutschen Raketen-Bobs

Der Kopf hinter dem Erfolg: Michael Nitsch. © IMAGO

Er ist so etwas wie der Cheftüftler des deutschen Sports. Mit seiner Forschungsstelle zur Entwicklung von Sportgeräten (FES) entwickelt Michael Nitsch (60) unter anderem die deutschen Super-Bobs.

Herr Nitsch, ich nehme an, Ihnen geht hier an der Bahn das Herz auf?

Schon, aber das ist auch unsere Aufgabe. Wir wollen in den materialabhängigen Sportarten Ausrüstung und Messtechnik bereitstellen, die besser sind, als die, die man kaufen kann. Oder anders gesagt: Wenn ein Klempner kommt, der dafür sorgt, dass der Wasserhahn nicht mehr tropft, dann dreht der auch nicht durch. Der kleine Unterschied: Wir machen vielleicht manchmal noch eine Sonderschicht.

Wie lange dauert es, bis ein Rodel oder ein Bob „fertig“ ist?

Das ist ein ständig fortlaufender Prozess. Diese kontinuierliche Arbeit ist der Schlüssel zum Erfolg.

Die Skeleton-Schlitten wurden vorher so noch nie im Weltcup gefahren, richtig?

Ja, da hat unsere Skeleton-Truppe bis zum Anschlag gearbeitet. Für so einen Ansatz, braucht man einen Cheftrainer, der die Nerven hat, an einem Weltcup-Wochenende auf den Erfolg zu verzichten und die Karten erst aufzudecken, wenn es um die Wurst geht.

Wie viel ist heute digitale Simulation und wie viel noch Test in der Bahn oder dem Windkanal?

Wir konstruieren in der Regel alle unsere Produkte am Computer, in 3D. Der Bahntest gehört dennoch immer dazu. Aber es gibt Komponenten, die Aerodynamik zum Beispiel, die kann man sehr gut voraussagen. Fürs Fahrwerk hingegen muss man auf die Bahn, auch um die Rückmeldung der Piloten zu bekommen.

Wie viel der Leistung macht der Mensch aus, wie viel das Material?

Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Anschub, Lenken und Technik. Manchmal kann dabei die eine Komponente die andere ausgleichen.

Bei Rodlerin Julia Taubitz hatte man das Gefühl, dass sie eine richtige Rakete unter dem Hintern hatte…

Julia und Max (Langenhan, d. Red.) hatten eine spezielle Kufenbeschichtung, die andere nicht hatten. Das hat vermutlich den Ausschlag gegeben und die Bremskräfte klein gehalten.

Georg Hackl galt früher immer als Sinnbild für Tüfteleien. Wie viel geht heute noch bei der ganzen Technik?

Das ist nicht weniger geworden. Man kann mehr voraussagen, früher war mehr „Trial and Error“, aber zum Beispiel unser Bob-Projektleiter Enrico Zinn, der versucht sich wirklich in die Wirkmechanismen eines Bob hineinzudenken.

Scheint ein guter Mann zu sein, wenn man die ersten Läufe sieht.

Der ist der Hammer. Wir sind fleißig und am Ende die Basis für die Medaillen. Ganz hoch gehängt, muss sich die Politik, die die Steuergelder verteilt, in diesem Zusammenhang auch die Frage stellen: Wollen wir in Deutschland erfolgreichen Hochleistungssport? Wenn es uns gelingt, die finanzielle Flamme gleichmäßig und in vernünftiger Höhe brennen zu lassen, dann werden die Erfolge auch so bleiben.

INTERVIEW: MATHIAS MÜLLER

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