Bist du irre?

von Redaktion

50 Kilometer Langlauf im Selbstversuch – bis zur Halbzeit läuft es rund, dann beginnt der Kampf

Speicher auffüllen: Banane zwischendurch.

Langlauf? Das letzte Mal vor zehn Jahren.

Toblach – „Mach das“, haben sie gesagt. „Ein Abbruch nach 20 Kilometern wäre lustig“, haben sie gesagt. Leichtsinnigerweise bot ich den Kollegen in der Redaktion einen Langlauf-Selbstversuch über 50 km an. Um mal zu erfahren, wie sich die Königsdisziplin, die immer am olympischen Abschlusswochenende stattfindet, so anfühlt. Leicht war es nicht.

Während Superstar Johannes Klaebo & Co. in Val di Fiemme über die Loipen fetzen, nutze ich das Strecken-Netzwerk rund um Toblach, ganz in der Nähe meines Hotels. An Selbstbewusstsein mangelt es nicht. Tags zuvor frage ich Biathlon-Legende Arnd Peiffer trotzdem nach einem letzten Tipp. „Ob ich klassische oder Skating-Technik laufen will“, fragt der Olympiasieger. Skating natürlich. „Oh, dann viel Spaß“, lacht der 38-Jährige, der 2014 in Sotschi aus Jux und Tollerei am 50 km-Massenstart teilnahm. Seine Zeit in einem rasanten Rennen: 1 Stunde und 51 Minuten.

Mindestens doppelt so lange werde ich bestimmt brauchen. „Oder eher noch länger“, sagt die junge Frau beim Skiverleih, die mich etwas entgeistert anschaut. Ich schlucke. Auf Alpin-Ski ängstigt mich fast nichts. Aber meine Langlauferfahrung beschränkt sich auf einen Vormittag im Skilager vor 25 Jahren und eine Stunde in Seefeld vor zehn Jahren.

Dementsprechend holprig geht‘s los. In den ersten 45 Minuten sitze ich dreimal auf dem Hosenboden – zum Glück ohne Salto-Sturz, wie ihn die Schwedin Ebba Anderson hingelegt hat. Dann läuft‘s geschmeidiger. Die ersten zehn Kilometer ziehen vorbei. Schnell fünf weitere. Ich fliege. Na gut, das ist übertrieben. Aber es fühlt sich fast so wie Gleiten an. Was soll mich stoppen? Die Antwort schleicht sich ab Kilometer 18 langsam, aber sicher in meinen Körper: das mit 38 Jahren nicht mehr ganz jugendliche Alter; die vom Schwimmen lädierte Schulter; die aktuell überschaubare Form.

Am Samstag (11 Uhr) dürften die Besten spätestens nach zwei Stunden im Ziel jubeln. Bei mir stehen nach 120 Minuten fast 25 Kilometer auf der Uhr. Die Moral ist noch intakt, beginnt aber zu bröckeln. Der etwa zwei Kilometer lange Anstieg im Anschluss gibt mir den Rest. Als ich mir schnell einen Müsliriegel gönne – passenderweise an der Kehre am Kriegerfriedhof, unweit der drei Zinnen –, ploppt zufällig eine Nachricht meiner Frau auf dem Handy auf. „Biathlon, Bob oder Curling? Was treibst du so?“ Meine Replik lässt sie ratlos zurück: „Bist du irre? Wer macht denn spontan 50 km Langlauf?“

Ich schiebe wieder an. Die Loipe ist weich. Die Schulter schmerzt. Auch die Tanknadel der Energieanzeige im Körper fällt weiter und weiter ab. Noch nicht am Boden liegend, aber mittlerweile eher kriechend, folgt nach 30 Kilometern – der bisherige Frauen-Massenstart-Distanz – der Abbruch aus Vernunft und die Erkenntnis: 50 Kilometer aus der kalten Hose – schwierig.

Zurück am Laptop prüfe ich die Laufzeiten der Profis und meine Daten. Zum Glück finde ich ein Detail, das mir in der Argumentation bei den Kollegen hilft. Das olympische Streckenprofil ist immer überwiegend flach. Ich bin auf meinen 30 Kilometern immerhin 400 Höhenmeter hochgekraxelt.MATHIAS MÜLLER

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