ZUM TAGE

Die silbernen Jahre sind vorbei

von Redaktion

Olympische Eishockey-Ernüchterung

Vorfreude lässt das Herz klopfen und die Gedanken fliegen, sie ist wunderschön – aber auch tückisch. Denn sie schafft Fallhöhe, und wenn sich die Erwartungen nicht erfüllt haben, fühlt sich der Sturz umso tiefer, das Aufschlagen brutaler an. So ist es dem deutschen Eishockey bei Olympia ergangen: Monatelang wurden in den Köpfen von Verantwortlichen wie Fans Traumsturmreihen gebildet, bei der Eröffnungsfeier in Italien trug Leon Draisaitl die Fahne, auf dem Eis erzielte er nach 23 Sekunden das erste Tor – dann war es jedoch schon aus mit der Berauschtheit. Und das Ende ein verheerenderes, als man es sich in einem Schlimmstszenario ausgemalt hätte.

Spürbar ist beim ergebnisorientierten Sportinteressierten eine leichte Enttäuschung über den Superstar von drüben, obwohl das geübte Eishockey-Auge die Weltklasse von Leon Draisaitl natürlich erkannte. Er kehrt nun in sein NHL-Leben zurück, dort interessiert, ob er mit den Edmonton Oilers performt und nicht mit einer Nationalmannschaft, die sowieso keinen Titel gewinnen kann. Das deutsche Eishockey hingegen wird seinen Problemstellungen nicht entkommen. Es hat durch Mailand keinen Boom erlebt, sondern ist um Jahre zurückgeworfen worden.

Man will eigentlich nichts sagen gegen Harold Kreis, denn seine menschliche Größe, seine Nahbarkeit und Vernunft sind selten zu finden im Hochleistungssport, doch der Bundestrainer hat viele fachliche Fehler gemacht bei der Nominierung des Olympia-Kaders und in den Entscheidungsprozessen vor Ort. Und es steht zu befürchten, dass etwas hängen bleibt – bei denen, die immer zur Nationalmannschaft gekommen waren, aber für den Höhepunkt Olympia nicht berücksichtigt wurden, und auch bei manchem, der mitfahren durfte, aber letztlich nicht beachtet wurde. Die WM in drei Monaten kann düster werden.

Mit einem Bundestrainerwechsel wäre allerdings auch nicht alles gelöst. Die Probleme sind grundsätzlicher Art: Die Liga hat kaum noch junge Spieler, die Talente sehen in nordamerikanischen Juniorenligen bessere Perspektiven. Die silbernen Jahre (Olympia 2018, WM 2023) sind vorbei.

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