Endlich gab es wieder Schnee. © Kappeler/DPA
Zerlegte die Spiele: Linus Straßer. © Buholzer/EPA
Die Ski-Alpin-Männer fristeten ein tristes Dasein alleine in der Lombardei. © Morita/Imago
Begeisterte: Eisschnelllauf-Mama Francesca Lollobrigida. © Bouys/AFP
Lautstark: Die norwegischen Fans bei der Langlauf-Staffel in Tesero. © Karmann/DPA
Doppeltes Goldmärchen: Federica Brignone. © Rellandini/AFP
Schöne Bilder, aber etwas ab vom Schuss: Die Freestyle-Wettbewerbe in Livigno. © Davies/DPA
Cortina – Wer in Cortina in das „Al Passetto“ eintritt, spürt ihn schnell, den olympischen Geist. Die Fackeln sämtlicher Spiele hängen an den Wänden. Das Brillengestell des Mannes hinter der Bar ist in den italienischen Landesfarben Rot, Grün und Weiß gehalten. Sein Name: Giorgio Ghedina, Onkel des ehemaligen Ski-Stars und Kitzbühel-Siegers Kristian Ghedina. Während sein Neffe als TV-Experte arbeitet, hält er das Familienrestaurant am Laufen und begrüßte in den vergangenen zwei Wochen Touristen, Einheimische und Olympiasieger. Es geht bunt, laut und friedlich zu – so sieht auch das romantisierte Bild von Olympia aus.
Italienische Märchen
Die Winterspiele in Norditalien haben solche Momente durchaus hervorgebracht. Allen voran aufseiten des Gastgebers, der sich an Super-Eisschnelllauf-Mama Francesca Lollobrigida oder Federica Brignone berauschte. Die gebürtige Mailänderin schrieb zwei Ski-Märchen auf der Strecke Olimpia delle Tofane, die die erhofften Bilderbuch-Eindrücke lieferte. Das Knie der 35-Jährigen ist nach einem furchtbaren Sturz vor nicht einmal einem Jahr „ruiniert“, ihr Unterschenkel „nicht mehr gerade“. Ob ihr Bein wieder wird? Brignone weiß es nicht.
„Mit diesen Heldengeschichten identifiziert sich ganz Italien“, sagte der deutsche Botschafter Thomas Bagger bei seiner Stippvisite im Gespräch mit unserer Zeitung. Sein Sitz in Rom ist weit weg von den Bergen. Er fragte sich im Vorfeld, ob das ganze Land sich für die Spiele interessieren würde. „Aber ich muss ehrlich sagen, der Funke ist mit dem Tag der Eröffnungsfeier übergesprungen.“ Zumindest seiner Einschätzung nach. Bagger besuchte an der Seite von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einige Wettbewerbe. Allerdings nur in Mailand, Cortina und Antholz. Die zerstückelten Spiele, verteilt auf fünf weit auseinanderliegende Cluster, brachten selbst die Politik-Prominenz an ihre (Reise-) Grenzen.
Bei seinem Amtsantritt bekam der Botschafter zwei Ratschläge, um das Land zu verstehen. Einer davon: „Viaggiare, viaggiare, viaggiare.“ Reisen, reisen, reisen. Fast ein wenig ulkig. Ein kleines Exempel: Mit dem offiziellen Transportsystem vom Hotelstandort in Toblach zu den Freestyle-Wettbewerben nach Livigno? 12,5 Stunden via Venedig und den Gardasee. Eine halbe Weltreise. „Es stimmt natürlich, dass das Bemühen der Italiener, möglichst viel von der ganzen Region einzubeziehen und vorhandene Sportstätten zu nutzen, dazu geführt hat, dass die Wege ein bisschen weiter waren“, gestand auch Bagger.
Einmal nach Livigno? 12,5 Stunden bitte!
Bedeutet: Damit alle Regionen etwas von dem finanziellen Olympia-Kuchen abbekommen, mussten beispielsweise die Alpin-Männer leiden. Statt mit Kollegin Emma Aicher auf ihr Doppel-Silber anzustoßen, fristeten Linus Straßer & Co. ein tristes Dasein alleine in der Lombardei. Selbst die Skibergsteiger kamen erst in den Ort, als die Skifahrer weg waren. „Wenn das der Genuss von Olympia sein soll, bin ich froh, dass das mein letztes Mal war“, schimpfte der Münchner Straßer. DSV-Sportvorstand Wolfgang Maier sprach von einer „Enklave“. Der Standard schrieb über die Atmosphäre treffend und süffisant: „Manchmal bellt irgendwo ein Hund.“
Dass ein Hund auch positive Gefühle auslösen kann, zeigte sich 230 Kilometer weiter östlich in Val di Fiemme. Ein ausgebüxter Wolfshund, der aus dem Nichts die Zielgerade hinunterflitzte, „versüßte“ Team-Bronze-Langläuferin Laura Gimmler den Tag. Sprint-Kollegin Coletta Rydzek stellte, von den Medaillen-Gefühlen übermannt, sogar fest: „Olympia, das macht was mit einem.“
Einer der schönen Momente. Ansonsten bleibt aus dem Fleimstal vor allem Gold-Flieger Philipp Raimund in Erinnerung. Aber nicht besonders viel Ringe-Flair, sondern viel Leben in der Bubble. Teamkollege Andreas Wellinger wagte vielleicht auch deshalb als einer der wenigen die Reise nach Cortina, um am Eiskanal mitzufiebern.
Die Aufregung um den für rund 120 Millionen Euro in Rekordgeschwindigkeit aus dem Boden, oder besser gesagt, in den Boden gestampften Eiskanal hat sich mit der Zeit gelegt. Hell beleuchtet und gut beschallt, bildete er im Nobel-Skiort eine Art Wahrzeichen der fünf Ringe. Aus deutscher Sicht muss man den Betonbau lieben: Ohne die rund 1,5 Kilometer und die dazugehörigen 16 Kurven hätte Team D im Medaillenspiegel noch blöder aus der Wäsche geschaut, als ohnehin schon.
Auch weil beim Biathlon in Antholz Mixed-Bronze den Knoten nicht wie erhofft löste. Im Gegenteil. Die Schlinge zog sich zu. Für Bagger mag der einmalige Besuch „ein ganz besonderes Erlebnis“ mit „super Stimmung“ gewesen sein. Die Biathleten, die zwei Wochen dort verbrachten, waren nahe am Lagerkollaps. „Olympia hatte ich mir anders vorgestellt“, resümierte Selina Grotian, die „Magie der Ringe“ hat die 21-Jährige nie erfasst. Ein Zusammenkommen mit anderen Athleten war nicht möglich. Wegen der Entfernung. Aber auch, weil der DSV ein strenges Hygienekonzept verfolgte, das sogar familiäre Besuche in der Team-Unterkunft untersagte. Der Gedanke dahinter, möglichst optimal abzuschneiden, ist verständlich. Aber manchmal ist ein bisschen weniger mehr.
Wenig Emotion
Nicht besonders viel kam vom Gastgeber. Die Abläufe, die Wettkampforganisation, die Sportstätten – dort, wo man vielleicht die Schwächen erwartet hätte, verliefen – das ein oder andere Bus-Chaos außen vor gelassen – nahezu perfekt. Aber Herz, Leidenschaft und Emotion? Eher Fehlanzeige. Auch im mitunter frühlingshaften und eher desinteressierten Mailand. Olympia? Nett, aber gebraucht hätte der Modemittelpunkt der Welt das nach eigenem Empfinden nicht. Am meisten Stimmung kam neben Cortina noch in Livigno auf. Zumindest beim lässigen Freestylevölkchen, das sich selbst feierte. Die einheimischen Händler meckerten eher über große Einbußen.
Bleibt der Blick auf 2030. Austragungsort sind die Französischen Alpen. Nein, da fehlt keine Stadt im Namen, der offizielle Veranstalter heißt wirklich so und lässt Schlimmes erahnen. Über Nizza am Meer verteilt bis hinauf nach Le Grand-Bornand, fast an der Grenze zur Schweiz, sind vier Cluster eingeplant. Eisschnelllauf findet womöglich wegen einer fehlenden Halle sogar außerhalb des Landes statt. Den aktuellen Stimmen aus dem IOC-Kosmos zufolge, sieht aufgrund des Klimawandels so auch die langfristige Zukunft der Winterspiele aus. Das mag nachhaltig sein. Aber der olympische Geist, der geht dadurch verloren.MATHIAS MÜLLER