„Wir müssen die Lücke schließen“

von Redaktion

DOSB-Boss Tabor über verfehlte Medaillenziele, sterile Spiele und die Olympia-Zukunft

Übte Kritik an der Organisation: Linus Straßer. © Szilagyi/EPA

Party? Gab‘s hauptsächlich im Eiskanal, wie hier durch Laura Nolte (re.) und Anschieberin Deborah Levi. © Michael/dpa

Chef de Mission Olaf Tabor. © Kappeler, Kneffel/dpa

Knapp Vierte: Annika Morgan – auch in den Freestyle-Disziplinen will Tabor aufholen. © Blackwell/dpa

Cortina – Der angestrebte dritte Platz im Medaillenspiegel ist außer Reichweite. Unsere Zeitung hat über die sportliche deutsche Bilanz und die Spiele der weiten Wege mit Olaf Tabor (55), DOSB-Vorstand Leistungssport, gesprochen.

Herr Tabor, die erfolgreichen Damen im Team D haben oft mit Aperol gefeiert. Sind Sie auch in den Genuss gekommen? Und wie groß ist die Partystimmung bei Ihnen?

Ich habe vier Wochen mit teils langen Tagen und kurzen Nächten hinter mir und dabei drei Runden über alle Austragungsorte gedreht. Auf Aperol habe ich verzichtet, auch aus Selbstschutz. Mein Feierquotient war also nicht besonders hoch (lacht).

Wie viele Kilometer haben Sie auf dem Tacho?

Rund 4500 Kilometer. Der Umfang ist aber nicht das Problem, sondern die benötigte Zeit. Wenn ich alle Haarnadelkurven gezählt hätte, wäre das Ergebnis noch beeindruckender.

Sie waren bei Daniela Maiers Gold-Ritt in Livigno. Das frenetische Team, der Jubel mit Freunden. War das ein olympischer Moment, wie man ihn sich ausmalt?

Absolut, das war ein sehr authentischer Moment. Dani hat in einer Manier gewonnen, wie es dominanter nicht möglich gewesen wäre. Die Freude des Teams, das auch seinen Anteil daran hatte, werde ich in Erinnerung behalten. Auch weil man so nah dran war.

Interessant, denn Frau Maier sagte, dass sie die Fans, ähnlich wie Linus Straßer, weit weg empfunden hat. Wie viel Nähe kann Olympia noch schaffen?

Bei der weltweit größten Multisportveranstaltung müssen wir eine gewisse Trennung von Athleten, Betreuern und Fans aus Sicherheitsgründen respektieren. Es ist nicht möglich, dass Zuschauer in den Zielbereich laufen. Ich kann aber versichern, dass sich das Umfeld später zu einer großen Party zusammengefunden hat.

Haben Sie einen Moment erlebt, den Sie zu reglementiert empfunden haben?

Nein, im Gegenteil. Die Volunteers, die Bevölkerung, die Funktionäre – alle waren sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Vor dem Hintergrund habe ich keine Sterilität oder Distanz gespürt. An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir sogar etwas strengere Sicherheitskontrollen gewünscht. Richtig ist aber, dass nicht an allen Standorten das gleiche Flair aufgekommen ist. Da kann ich Linus Straßers individuelle Kritik verstehen. So etwas muss man auch an das IOC rückmelden, um möglicherweise Lehren daraus zu ziehen.

Das Biathlon-Team steht unter dem Strich mit einer Bronzemedaille da. Zu wenig, oder?

Aufgrund der Vorleistungen waren die eigenen Ansprüche sicher höher. Für mich zählen aber nicht nur Medaillen, sondern auch die Anschlussplatzierungen vier bis acht. Zudem waren viel Drama und ganz enge Rennen dabei.

Aber es gab auch viele Ergebnisse jenseits der Top-20 oder Top-30!

Biathlon war in den vergangenen 20 Jahren ein Garant für Topleistungen, das ist derzeit nicht mehr so. Der DSV muss die Frage beantworten, wie er den Nachwuchs wieder an die Spitze heranführen will. Das gilt zum Beispiel auch für die Freestyle-Sportarten, Ski wie Snowboard, wo wir Nachholbedarf haben und eine Lücke schließen müssen.

Der DOSB will also weiter jede Disziplin fördern?

Wir haben seit Mitte des letzten Jahrzehnts eine potenzialorientierte Förderung, die sowohl die Ergebnisse bei den jüngsten Zielwettkämpfen als auch das Potenzial beurteilt. Ich finde nicht, dass wir einzelne Sportarten aufgeben sollten. Ich glaube aber, dass es einer Konzentration auf die Bereiche bedarf, in denen wir Medaillenpotenzial haben. Denn unsere finanziellen Ressourcen sind endlich.

Das Ziel im Medaillenspiegel war Top drei, das hat man nicht erreicht. Wie lautet Ihr Fazit?

Ich bin stolz, gepaart mit einer kleinen Prise Ernüchterung, das gebe ich gerne zu. Stolz deswegen, weil ich mit den Leistungen zufrieden bin. Damit meine ich ausdrücklich nicht nur die medaillenträchtigen Ergebnisse. Zudem ist die Gesamtausbeute an Edelmetall auf einem Niveau mit der in Peking vor vier Jahren. Ernüchtert bin ich über die vielen vierten Plätze, die wir errungen haben. Die Entscheidung war oft hauchdünn, das schmerzt.

Im Vergleich zu Peking sind sieben neue Entscheidungen dazugekommen. Dazu hat Russland 2022 noch 32 Medaillen gewonnen. Die haben scheinbar andere abgegriffen?

Wer diese Medaillen stattdessen gewonnen hat, ist schwer zu überblicken. Was wir erkennen, ist, dass Italien sehr stark aufgetreten ist, auch in Bereichen, in denen wir es nicht erwartet haben. Frankreich wird stärker, das Gleiche gilt für die Niederlande. Insofern haben wir trotz des Fehlens der Russen sehr intensive Konkurrenz bekommen. Wir müssen aufpassen, da mache ich keinen Hehl daraus, dass wir nicht wie im Sommer sukzessive nach hinten durchgereicht werden. Dort gehört das Team D gerade noch zu den Top Ten – mit einem deutlichen Abstand zur Weltspitze, der auf die Schnelle schwer zu schließen sein wird.

Bei Olympia hofft ganz Deutschland auf Medaillen. Ist der Rückhalt für den Sport im Land auch außerhalb der Spiele groß genug?

Die deutsche Bevölkerung hat diese Spiele medial offensichtlich deutlich intensiver als vor vier Jahren verfolgt, das finde ich bemerkenswert. Auch die politische Präsenz war sehr hoch. Dennoch würden wir uns natürlich über noch mehr Unterstützung freuen. Wir müssen im Sport aber auch berücksichtigen, dass unsere Themen nicht immer die allererste Priorität haben, wenn man sieht, was in der Welt sonst passiert.

Holt man aus den aktuellen Mitteln das Optimum heraus?

Ich glaube nicht. Wir investieren bereits enorme Summen und Ressourcen in den Leistungs- und Spitzensport. Aber die Wahrheit ist, dass wir nicht genug aus dem System herausbekommen. Das kann auch daran liegen, dass bisher nicht alle Rädchen optimal ineinandergreifen.

In vier Jahren finden die Spiele in den Französischen Alpen statt. Wieder viele Cluster und weite Wege. Mit den Erfahrungen aus Italien: Ist das IOC auf dem Holzweg?

Wir kommen aus einer Zeit, in der fast alles neu gebaut wurde, und so manche fragwürdige Infrastruktur steht heute als weißer Elefant herum. Insofern verfolgt das IOC, mit seiner Strategie, vorhandene Wettkampfstätten zu nutzen, einen richtigen Weg. Es darf derzeit nur neu gebaut werden, wenn eine sinnvolle Nachnutzung gewährleistet ist. Bei diesen Spielen gibt es neue Erfahrungswerte, besonders in der Frage: Wie dezentral darf ein Konzept sein? Ich glaube, Nachhaltigkeit wird weiter eine gewichtige Rolle spielen, sie muss aber möglicherweise nicht so umgesetzt werden wie hier.

Es gibt auch Gedankenspiele – für den Winter wohlgemerkt – von rotierenden Ausrichtern.

Richtig, es gibt eine Arbeitsgruppe, die sich über das Jahr 2038 hinaus Gedanken macht. Unter anderem auch über das Stand-alone-Konzept, also dass die Spiele von einem Land organisiert werden. Es gibt die Idee, mehrere Hubs weltweit zu entwickeln, möglicherweise auch länderübergreifend, in denen wiederkehrend die Spiele stattfinden. Ich hätte eine gewisse Sympathie dafür, denn auch in puncto Schneesicherheit geraten wir mit dem fortschreitenden Klimawandel immer mehr an Grenzen.

In Frankreich werden die Eisschnelllauf-Bewerbe wegen einer fehlenden Halle womöglich im niederländischen Heerenveen ausgetragen. Für mich klingt das kurios.

Es wäre eine ikonische Stätte für den Eisschnelllauf, mit garantiert tollem Flair. Aber klar, der Standort wäre gefühlte 1000 Kilometer entfernt, das wäre ein Novum. Als Team D nehmen wir die Situation, wie sie kommt.

Das Münchner Konzept für die geplante, aber von der Bevölkerung abgelehnte Bewerbung 2022 war aus heutiger Sicht super kompakt. Haben Sie die Fantasie für eine deutsche Winterbewerbung?

Wir beschäftigen uns mit einer Sommerbewerbung für 2036, 2040 und 2044, und selbst diese Zukunft ist noch weit weg. Im Moment ist mir ehrlicherweise vollkommen egal, mit welcher Stadt oder Region wir Olympische und Paralympische Spiele nach Deutschland holen. Hauptsache, wir schaffen es. Ich würde nie etwas ausschließen, aber mit unseren Ambitionen für die Sommerspiele, ist eine Winterbewerbung erst einmal nicht in Sicht.

INTERVIEW: MATHIAS MÜLLER

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