Kein Bobfahren mehr? Für Deutschland der GAU. © dpa
Cortina d‘Ampezzo – Wenn irgendwann die Bobbahn am Königssee wiederhergestellt sein sollte, dann ist ihr eine Attraktion schon sicher: Johannes Lochner will einsteigen ins Geschäft seines Kumpels Manuel Machata und Gäste im Taxibob durch die Rinne fahren. Allerdings: Sollte sich bewahrheiten, was der seriöse Insider Duncan Mackay glaubt, dann braucht es den Wiederaufbau am Königssee vielleicht gar nicht mehr – und der Doppel-Olympiasieger Lochner wäre der letzte oder einer der letzten seiner Art.
Die Vorschläge über eine Neuordnung des olympischen Programms, schreibt Mackay in seinen „Zeus Files“, gehe weit über eine Einführung von Cyclocross oder Crosslauf hinaus: „Rausfliegen könnten die Schlittensportarten – Bob, Rodeln und Skeleton.“
Die Gründe dafür lägen im schlechten Abschneiden der Sportarten in den Kategorien Kosten, Umwelt und Nachhaltigkeit. Tatsächlich ist schon der Bau einer Eisrinne sündhaft teuer, sie muss nicht gerade umweltverträglich in die Landschaft gestellt werden, auch der Unterhalt kostet und frisst Energieressourcen für die Vereisung. Nicht zeitgemäß.
Für Deutschland wäre das ein Albtraum. Die Schlittensportler gewannen in Cortina d‘Ampezzo 19 von 26 Medaillen, also rund 73 Prozent, davon sechs der acht goldenen. Was, wenn sich, wie das in Palisades Tahoe umbenannte Squaw Valley 1960 ein Ausrichter dazu entscheidet, er wolle keine Bahn bauen: Die Rinne in Cortina kostete 118 Millionen Euro – 37 Millionen mehr als vorgesehen und vom IOC ohnehin nicht gewünscht. Eine bestehende Bahn hätte es nach dessen Willen sein sollen, zur Not in Lake Placid/USA.
„Wir müssen ehrlich damit sein, was funktioniert und noch wichtiger, was nicht funktioniert“, hatte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry gesagt – und die nahenden Erschütterungen im Programm bereits angedeutet. Sportarten, Disziplinen und Veranstaltungen müssten „mit neuen Augen“ betrachtet werden, sagte die 42-Jährige: „Wir werden vor schwierigen Entscheidungen und Gesprächen stehen – das gehört zum Wandel dazu.“
Im Rahmen des „Fit For The Future“ genannten Prozesses befassen sich seit September vergangenen Jahres vier Arbeitsgruppen mit der Zukunft der Olympischen Spiele, dazu zählt auch eine Programmkommission unter dem Vorsitz des Österreichers Karl Stoss.
Insider Mackay zufolge gebe es bereits eine breite Akzeptanz, dass die Winterspiele von Mailand und Cortina die letzten gewesen sind, bei denen ausschließlich auf Schnee und Eis um Medaillen gekämpft wurde. Handball und Volleyball gelten etwa als Sportarten, die zukünftig in den Winter rücken und den Platz der Eiskanalsportarten einnehmen könnten. Dadurch sollen zum einen die aufgeblähten Sommerspiele (353 Medaillenentscheidungen in 36 Sportarten) verschlankt und zum anderen die fast ausschließlich in Nordeuropa, Nordamerika und Ostasien rezipierten Winterspiele für weitere Teile der Welt geöffnet werden. Sollten die Schlitten der Reform zum Opfer fallen, wäre es für die deutschen Goldschmieden der GAU. Ohne Olympia verliert fast jeder Sport seine Daseinsgrundlage.
Für die Winterspiele in den französischen Alpen 2030 und Utah 2034 haben die Schlittensportler ihren Platz aufgrund geltender Ausrichterverträge auf dem Papier noch sicher. Wie es danach weitergeht, könnte sich bereits bei der IOC-Session in Lausanne am 24. und 25. Juni klären, wenn die ersten Ergebnisse der Programmkommission erwartet werden.SID