Wohin mit dem Kapitän?

von Redaktion

Verlaat ist zurück, doch die Abwehr steht ohne ihn – Kauczinski plötzlich mit Qual der Wahl

Ungewohnte Rolle: Der genesese Verlaat auf der Ersatzbank – neben den Sturmkollegen Haugen, Schröter, Volland. © Sampics

München – Plötzlich war der Kapitän zurück an Bord – aber nicht dort, wo er sich am wohlsten fühlt. Als Jesper Verlaat am Sonntag gegen Rostock erstmals nach überstandener Verletzung wieder im Kader des TSV 1860 stand, nahm er auf der Ersatzbank Platz. Eine ungewohnte Perspektive für den Abwehrchef – und ein Beleg dafür, wie sehr sich die Hierarchien in seiner Abwesenheit verschoben haben.

Trainer Markus Kauczinski beließ seine Defensive unverändert – und hatte gute Gründe. Max Reinthaler organisiert die Dreierkette mit der Ruhe eines Routiniers, Raphael Schifferl überzeugt als kompromissloser Zweikämpfer, und Siemen Voet ist ohnehin gesetzt. Die Löwen blieben beim 1:0 gegen Rostock zum zweiten Mal in Folge ohne Gegentor. Die Abwehr steht. Auch ohne ihren Kapitän.

Dabei ist Verlaat weit mehr als ein gewöhnlicher Innenverteidiger. Seit seinem Wechsel 2022 absolvierte der Niederländer 108 von 133 möglichen Ligaspielen, die meisten als Kapitän. Leistungsträger, Führungsspieler, Identifikationsfigur. Einer, den sie bei 1860 auch abseits des Rasens brauchen. Umso brisanter ist die Frage: Wird ausgerechnet der Kapitän nun zum Edelreservisten?

Kauczinski muss künftig aber noch mehr unpopuläre Entscheidungen treffen. Denn Verlaat ist nicht der einzige prominente Rückkehrer. Auch Florian Niederlechner und Morris Schröter saßen gegen Rostock zunächst draußen, Patrick Hobsch ebenso. Weitere Kandidaten wie Sean Dulic, Manuel Pfeifer oder Samuel Althaus stehen vor ihrer Rückkehr. Aus dem personellen Notstand ist ein Überangebot geworden.

„Wir haben wieder unsere Struktur und Organisation“, begründet Voet den Aufschwung: „Und mit den Spielern, die zurückkommen, können wir noch stärker werden.“ Der Belgier spricht aus, was viele denken: Die Qualität im Kader wächst – und damit auch der Konkurrenzkampf.

Auch Tim Danhof betont den neuen Geist: „Das war eine geschlossene Teamleistung. Jeder hat alles reingelegt – die auf dem Platz, die Reingekommenen und auch die auf der Bank.“

Die Kehrseite: Je voller der Kader, desto größer die Zahl der Enttäuschten. Kauczinski steht vor einer heiklen Aufgabe. Talente wie Noah Klose oder Loris Husic, zuletzt ins kalte Profiwasser geworfen, mussten gegen Rostock bereits wieder zuschauen. Und selbst ein Kapitän ist nicht automatisch gesetzt, wenn das Team funktioniert.

Luxusprobleme, zweifellos. Und auch für einen erfahrenen Trainer eine Herausforderung. Als „äußerst spannend“ bezeichnete Kauczinski den extremen Personalengpass um den Jahreswechsel herum (elf Ausfälle) – fortan besteht die Spannung vor allem darin, diejenigen bei Laune zu halten, die sich vor ihren Zwangspause noch als Stammspieler fühlten.

Für Verlaat könnten die nächsten Wochen zu einer Geduldsprobe werden, zumal er sich mit bald 30 für einen neuen Vertrag empfehlen muss. Eigentlich fühlt er sich wohl bei 1860. Doch im Leistungssport gilt ein ehernes Gesetz: Entscheidend ist das Hier und Jetzt.

Im Auswärtsspiel bei Hoffenheim II (Freitag, 19 Uhr, live bei MagentaSport) wird es einen ersten Fingerzeig geben: Bleibt der Kapitän draußen? Der Aufstiegskampf ist wieder offen. Und plötzlich ist auch der Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft voll entbrannt.ULI KELLNER

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