„Klare Identität“: Trainer Kjetil Knutsen gelang der Coup in Mailand. © AFP/PIERO CRUCIATTI
Zum Verzweifeln fand Inter-Star Marcus Thuram das Spiel gegen die Norweger. © dpa/Spada
Sie stellen Europas Hierarchien auf den Kopf: Die Nobodys von Bodö/Glimt wirbeln durch die Champions League. Das Achtelfinale haben sie schon erreicht. © dpa/Luca Bruno
Mailand – Für die Helden von San Siro und ihr kleines Fußball-Wunder ließ der norwegische Ministerpräsident sogar Wolodymyr Selenskyj sitzen. „Es ist ein Märchen“, jubelte Jonas Gahr Störe über den sensationellen Achtelfinal-Einzug des kleinen FK Bodö/Glimt in der Champions League, den er in einer Hotellobby in Kiew am Rande eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten verfolgt hatte.
Während der Regierungschef schon vom nächsten Coup träumte („Alles ist möglich“), stieg im Giuseppe-Meazza-Stadion die Siegesfeier – allerdings ohne den Matchwinner. Der frühere Frankfurter Jens Petter Hauge, der das 2:1 (0:0) im Playoff-Rückspiel bei Inter Mailand mit einem Tor und einer Vorlage ermöglicht hatte, musste zur Dopingkontrolle. „Es war hart, vor der Kabine zu stehen“, sagte er später, „und die Party nur zu hören.“
Vorher habe Hauge „fast 70000 Zuschauer zum Schweigen gebracht“, wie die Zeitung Verdens Gang über die „Machtdemonstration“ unter dem Titel „Glimt im Himmel“ schrieb. Seit dem 2:2 in Dortmund gewann der Club gegen Manchester City (3:1), bei Atlético Madrid (2:1) und zweimal gegen Vorjahresfinalist Inter (Hinspiel 3:1). „Bodö macht dem San Siro Schüttelfrost“, schrieb der Corriere dello Sport. Wie im November, als sich Norwegen in Mailand für die WM qualifizierte, wehe dort „die norwegische Fahne“, schrieb die Gazzetta.
Nationaltrainer Stale Solbakken sprach von der „größten Leistung einer norwegischen Vereinsmannschaft jemals“. Kapitän Patrick Berg meinte: „Deshalb lieben wir den Fußball so sehr. Weil Dinge möglich sind, die auf dem Papier unmöglich erscheinen.“
Und ganz Europa fragt sich: Wie? „Wir haben eine klare Identität“, betont Trainer Kjetil Knutsen. Deren Leitsatz ist die „Ein-Prozent-Regel“, die besagt, jeden Tag ein bisschen besser zu werden – um daraus Großes entstehen zu lassen. Das Resultat: Erstmals setzte sich eine norwegische Elf in einem K.o.-Duell der Champions League durch. „Das ist komplett verrückt. Wir haben etwas völlig Aberwitziges geschafft“, sagte Torschütze Hakon Evjen. Jetzt sei „alles möglich“, meinte auch er vor der Achtelfinal-Auslosung am Freitag mit den möglichen Gegnern City und Sporting Lissabon. Daran glaubt auch der frühere Weltstar Thierry Henry. „Wir reden über Geld, über Namen – aber nichts schlägt eine echte Mannschaft“, sagte der CBS-Experte. „Ich liebe es, eine solche Mannschaft zu sehen.“SID