Nun wieder NHL: Leon Draisaitl. © dpa/Jason Franson
Edmonton – Viel Zeit, die Olympia-Enttäuschung zu verarbeiten, hatte Leon Draisaitl nicht. Nach dem Viertelfinal-Aus in Mailand flog der deutsche Eishockey-Star zurück nach Kanada – wo ihn ähnliche Herausforderungen und Probleme erwarten. Daran erinnerte ihn in Italien einer seiner größten Widersacher.
„Immer nur die Brautjungfer, Leon? Nie die Braut“, hatte US-Star Matthew Tkachuk ihm im direkten Duell in der Vorrunde auf dem Eis zugerufen – in einer Spielunterbrechung, als die TV-Mikrofone auf ihn gerichtet waren. Der für derartige Provokationen bekannte Amerikaner traf damit einen wunden Punkt: Draisaitl hat mit den Oilers in der NHL zweimal in Folge das Finale gegen Tkachuks Florida Panthers verloren, der bekennende Fan des US-Präsidenten Donald Trump krönte sich zudem in Mailand zum Olympiasieger – als der Deutsche schon längst von der größten Eishockey-Bühne verschwunden war.
Die Häme seines Gegners nahm der Kölner vor Ort noch gelassen hin, „das ist ja sein Spiel, das kann er ganz gut, seiner Meinung nach“, sagte Draisaitl. Doch zurück in Edmonton, wo die Sehnsucht nach dem Stanley Cup groß und die Erwartungen an den deutschen Star – und seinen kanadischen Kompagnon Connor McDavid, der am Sonntag Tkachuk und den USA Olympiagold überlassen musste – riesig sind, wird er wieder regelmäßig damit konfrontiert.
Nun beginnt für Draisaitl und Co. bei den Anaheim Ducks wieder der Liga-Alltag – und nach drei Pleiten in Folge vor der Olympiapause erst mal der Kampf um einen Playoff-Platz. Nach wechselhaftem Saisonverlauf liegen die Oilers zwar auf Rang zwei in der Pacific Division und damit überm Strich, doch der Vorsprung beträgt nur vier Punkte, und Edmonton hat schon mehr Spiele ausgetragen als die Konkurrenz.
Bislang hat es beim Vizemeister noch nicht klick gemacht, trotz individuell erneut starker Spielzeiten seiner beiden Stürmerstars. McDavid, bei Olympia mit 13 Punkten überlegener Scorerkönig und MVP, liegt auch in der NHL mit 96 Zählern vorne. Draisaitl, mit sieben Punkten bester deutscher Scorer in Mailand, ist in der Liga mit derzeit 80 Zählern auf dem Weg zu seiner siebten 100-Punkte-Saison. Doch dahinter fehlt die Unterstützung der Teamkollegen. Kritiker meinen, das Top-Duo stehe zu oft und zu lange auf dem Eis.
Bedenken, die Draisaitl aus den vergangenen zwei Wochen kennt. Auch Bundestrainer Harold Kreis wurde nach dem enttäuschenden Abschneiden (drei Niederlagen in fünf Spielen) angekreidet, dass er das Spiel der Mannschaft zu sehr auf die NHL-Stars ausgerichtet habe. Mit der Konsequenz, dass die anderen wenig Selbstbewusstsein entwickelten und die Verantwortung erst recht auf Draisaitl und Co. abschoben.
In der entscheidenden Saisonphase hat Edmonton nun zwei Superstars mit schmerzhaften Enttäuschungen im Gepäck. Und den Spruch von der „Brautjungfer“ im Ohr. Kleiner Trost: Olympiasieger Matthew Tkachuk liegt mit Meister Florida derzeit im Osten acht Punkte hinter dem letzten Playoff-Platz zurück. Darüber könnten sich Draisaitl und Tkachuk ja beim nächsten Aufeinandertreffen unterhalten – am 19. März in Edmonton.SID