„Wahnsinnige Blutpanscherei“

von Redaktion

Eine viel beachtete Premiere: Skibergsteigen präsentierte sich in Bormio. © Buholzer/dpa

Ruhpolding – In der Zentrale des Internationalen Olympischen Komitees ist man sich ja noch gar nicht im Klaren, was von der olympischen Premiere der Skibergsteiger denn nun zu halten war. Mitte dieses Jahres soll mit Blick auf die Spiele 2030 über die Zukunft entschieden werden. Doch gerade jetzt ziehen zumindest in Deutschland dunkle Wolken über der Disziplin auf. Zwei Athleten zogen gegen Ex-Bundestrainer Maximilian Wittwer und Sportchef Hermann Gruber vor Gericht. Die Vorwürfe: gefährliche Körperverletzung beziehungsweise Beihilfe dazu sowie Nötigung.

Wie die ARD berichtete, hat der Ärger seine Wurzeln im April 2024. Seinerzeit wurden die hoffnungsvollsten deutschen Athleten vom, für die Skibergsteiger zuständigen Deutschen Alpenverein (DAV) zu einem Leistungstest nach Ruhpolding beordert. Mit dabei waren auch Sophia Weßling und Felix Gramelsberger, die nun die Justiz einschalteten.

Das Duo berichtet unter anderem von bis zu 60 Blutentnahmen pro Athlet binnen weniger Stunden. Vier bis sieben Piekser gelten für derlei Testverfahren als ausreichend. Die beteiligten Helfer, darunter nach Athletenangaben auch der damalige Bundestrainer selbst, hätten sogar die Wundkrusten wieder abgekratzt, um erneut ans Blut zu gelangen. Für Gramelsberger eine „wahnsinnige Blutpanscherei“. Zumal laut einem Rechtsgutachten, dem der DAV zustimmte, auch die einfachsten Hygienestandards missachtet worden sein sollen. Weil zu wenige Einmal-Handschuhe verfügbar waren, habe man die Blutentnahmen bei mehreren Athleten mit den gleichen Handschuhen vorgenommen. Laut Gramelsberger sei auf den Handschuhen das Blut anderer Sportler zu sehen gewesen – „und damit hat man dann auf die Einstichstellen gedrückt.“

Die Athleten prangerten die Missstände an, Weßling und Gramelsberger wurden zu Wortführern. Und fielen bei den Verantwortlichen zunehmend in Ungnade. Für die nachfolgende Saison wurden beide mit einem dritten Athleten aus dem Elitekader gestrichen. Dass dies tatsächlich aus sportlichen Gründen geschah, daran bestehen offenbar auch innerhalb der Verbandsführung Zweifel. Die „Sportschau“ berichtet von einem internen Chat, in dem ein Präsidiumsmitglied schrieb: „Es irritiert mich spürbar, dass ausgerechnet die drei Athleten, die Missstände angesprochen haben, Benachteiligungen erfahren“. Interessant: Zumindest Gramelsberger wurde noch nach seinem Ausschluss in einem DAV-Dokument das Potenzial für Weltklasseleistungen attestiert Bei der olympischen Premiere der Sportart fehlten Weßling und er gleichwohl.

Der DAV stellte sich in einer Stellungnahme ausdrücklich hinter die, im Fokus der Vorwürfe stehenden, Wittwer und Gruber – für beide gelte bis zur juristischen Klärung „selbstverständlich die Unschuldsvermutung“. Man habe aus den beschriebenen Vorgängen aber entsprechende Schlüsse gezogen und „Prozesse weiter verbessert.“PATRICK REICHELT

Artikel 7 von 11