Bestens gelaunt: Aleksandar Pavlovic ist bereit für den „Klassiker“. © Philippe Ruiz
München – Champions-League-Auslosung am Freitag, Klassiker gegen Dortmund am Samstag: Es gibt viel zu besprechen mit Aleksandar Pavlovic – und der 21-Jährige nimmt sich auch viel Zeit. Im großen Interview spricht er über den FC Bayern, die WM, aber vor allem über sich selbst. Den Mann, der seit Kindesbeinen beim Rekordmeister spielt und sich gut vorstellen kann, es bis zum Karriereende zu tun.
Herr Pavlovic, wenn eine Woche mit einem Sieg und einem Tor startet und am Ende der „Klassiker“ wartet, geht’s kaum besser im Leben eines Fußballprofis, oder?
Stimmt! Der Sieg und das Tor gegen Frankfurt haben Rückenwind gegeben, dem Team und mir auch. Aber jetzt steht Dortmund an! Wir alle freuen uns auf das Spiel und sind gut vorbereitet. Die Motivation ist groß, den Vorsprung zu erhöhen. Elf Punkte wären schon schön (schmunzelt).
Haben Sie zwischendurch mal Druck gespürt?
Nein. Der Vorsprung ist zwar kleiner geworden, das haben wir schon auch gemerkt. Manch einer schaut mehr auf die Tabelle, manch einer weniger. Aber beeinflussen lassen wir uns alle nicht. Trotzdem wissen wir, dass wir in Dortmund von Anfang bis Ende konzentriert sein müssen. Nachlassen wie gegen Frankfurt sollten wir nicht.
Ist es vermessen zu sagen: Wenn Bayern gewinnt, ist man Meister?
Ja. Denn es gibt danach noch genug Spiele, in denen man Punkte holen und auch liegen lassen kann. Ich bin kein Freund davon, Titel zu früh zu feiern.
Kennen Sie Ihre Bilanz gegen Dortmund?
Ich habe noch nie verloren gegen Dortmund. Besonders gute Erinnerungen habe ich an ein 4:0, als ich eingewechselt wurde und direkt einen Assist gemacht habe. Und einmal Unentschieden gespielt?!
Exakt. Verloren haben Sie noch nie.
Vielleicht bin ich der Dortmund-Glücksbringer im Kader (lacht). Das hört sich nicht schlecht an. Bayern gegen Dortmund – etwas Größeres gibt es ja nicht in Deutschland. Früher waren die Derbys gegen 1860 die wichtigsten Spiele für Bayern-Fans. Heute ist es der Klassiker. Das habe ich auch als Jugendspieler bzw. Fan schon so erlebt.
Was war an diesen Tagen bei Ihnen zu Hause los?
Immer sehr viel. In meinem Zimmer war sowieso vom Boden bis zur Decke alles voll mit FC Bayern, Bettwäsche, Poster – alles. Mein Papa ist genauso fußballbegeistert wie ich, wir haben immer gemeinsam geschaut – das waren besondere Highlights. Traurig war ich natürlich in den BVB-Meisterjahren, das kann jeder Fan verstehen. Aber seitdem ist viel passiert…
Unter anderem stehen Sie nun selbst auf dem Platz.
Stimmt. Ich lebe meinen Kindheitstraum und liebe den Klassiker als Spieler genauso wie als Fan. Vor der „Süd“ aufzulaufen, ist imposant, aber es macht mich nicht nervös. Im Gegenteil. Mich pusht das. Ich hatte schon als Kind vor nichts Angst, was auf dem Platz los war. Mein Spiel blieb immer gleich. Selbst bei meinem Debüt war ich nicht nervös. Das ist schon ein Vorteil!
Sie haben einst Thomas Müller nachgeeifert, nun sind Sie das Vorbild vieler Jungs.
Die klingeln sogar manchmal bei mir zu Hause (lacht). Ich finde es superschön, wenn man ein Vorbild für die Kids sein kann. Mich macht das stolz und glücklich – und ich versuche, mir immer Zeit zu nehmen.
Wenn Sie in der Arena treffen, ist der Jubel groß – wie am Samstag. Gegen Frankfurt kamen außerdem 95 Prozent Ihrer Pässe an. Erleben wir Sie gerade so gut wie noch nie?
Es stimmt, dass ich sehr selbstbewusst bin. Ich will jeden Ball haben, das ist meine Spielart. Und ich fühle mich gut wie nie. Aber: Es kann immer noch besser werden!
Welche Rolle spielt die körperliche Konstitution?
Konditionell bin ich topfit wie noch nie. Es passt alles, gesundheitlich geht es mir bestens. Ich arbeite sehr hart dafür, Tag für Tag. Es kann gerne so weitergehen.
Ihren neuen Body haben Sie zuletzt auf einem Foto präsentiert. Wie viel Muskelmasse haben Sie denn draufgepackt?
Ein bisschen (lacht). Aber ich möchte kein Bodybuilder sein, nicht zu viel Muskelmasse gewinnen. Das kann ja auch hemmen. Trotzdem tut es gut, athletisch so gut drauf zu sein.
Vorbild Leon Goretzka?
Leon hatte schon mal deutlich mehr Muskeln als ich jetzt. Eher Cristiano Ronaldo. Das ist ja auch generell ein Vorbild von mir. Er ist ein Musterprofi in allen Bereichen.
Wenn man den Pavlovic von 2024 mit dem von heute vergleicht: was ist gleich – was anders?
Meine Persönlichkeit ist gleich geblieben. Es gibt keinen Grund abzuheben, nur weil man ein paar Spiele mehr auf dem Buckel hat. Mein Körper aber hat sich enorm entwickelt. Früher war ich klein, schmächtig, ein Spargel. Dazu zurückhaltend. Jetzt traue ich mich auch mal, ein paar Späße mit den Jungs zu machen.
Spielen Sie immer noch „wie auf dem Bolzplatz“?
Nein. Da habe ich die Gegner eher vernascht wie Neymar (lacht). Jetzt konzentriere ich mich darauf, das Spiel zu gestalten. Aber hin und wieder kann man ein paar Tricks einbauen. Der Bolzplatz bleibt ja für immer im Herzen.
Wo sind Sie auf Ihrem Weg, „der beste Sechser der Welt“ werden zu wollen?
Man muss Schritt für Schritt vorgehen, um große Ziele zu erreichen. Ich eifere da Rodri ein bisschen nach, für mich war er lange einer der Besten. Jeden Tag an der Seite von Spielern wie Joshua Kimmich, Kane usw. zu trainieren und zu spielen, ist einzigartig.
Sie übernehmen mehr Verantwortung auf dem Platz. Führt das auch zwangsläufig zu mehr Druck?
Nein, ich sehe es eher als Privileg. Wenn die Jüngeren hochkommen, so wie ich früher, gebe ich gerne Tipps, ziehe sie mit. Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig das für junge Spieler ist. Mit Lennart Karl zum Beispiel unternehme ich öfter was, wir gehen zusammen essen. Dazu auch Tom Bischof. Wir sind die jüngere Generation, die sich findet. Diese Verantwortung übernehme ich gerne.
An wen wenden Sie sich, wenn Sie mal einen Rat brauchen?
Lange war es Thomas Müller, ihm habe ich schon als Kind nachgeeifert. Aber in unserem Team stimmt die Mischung aktuell so sehr, dass man sich an jeden wenden kann. Jeder will jedem helfen. Im Spiel suche ich in der Regel den Kontakt zu Jo (Kimmich/d.Red.).
Wird Thomas Müller eigentlich mal Ihr Chef?
Ich wünsche mir sehr, dass er zurückkommt. Er ist für diesen Verein eine absolute Legende. Der FC Bayern braucht Menschen wie ihn.
Max Eberl hat Sie zuletzt enorm gelobt: Ist das Balsam auf die Seele eines Mittelfeldspielers, der oft im Schatten der überragenden Offensive steht?
Ehrlich gesagt: Total. Mich freut es immer, Lob zu hören. Aber die da vorne sollen bitte einfach so weitermachen wie bisher. Wir organisieren hinter ihnen alles – sie sollen vorne treffen.
Heute sind Sie Regisseur, zu Jugendzeiten hingen Sie teilweise hinten dran.
Das war nicht einfach. Aber Selbstzweifel gab es nie. Dass ich in der U15 zum Beispiel als Spätpubertierender so viel kleiner und auch schwächer war als die anderen, hat mich innerlich wachsen lassen. Ich musste da durch und bin daher heute der, der ich bin. Ich weiß, dass Aufgeben nie im Leben eine Option ist.
Sind Sie am Campus eigentlich ein Star?
(lacht) Als Star sehe ich mich nie. Ich bin immer noch der Aleks, der ich immer war. Aber ich genieße es immer, dort zu sein. Topspiele sind für mich und meinen Papa Pflichttermine – wenn ich Zeit habe.
Ist ein „für immer FC Bayern“ für Sie eine Option?
Auf jeden Fall. Ich kenne nichts anderes als den FC Bayern. Wenn hier alles so läuft, wie wir uns das Wünschen, gibt es keinen Grund, etwas anderes zu machen. Ich gebe jeden Tag alles für diese Farben und werde das weiter tun. Da kann man sich sicher sein.
Die Bayern-Bosse wünschen sich ohnehin mehr Pavlovics.
Das hört sich gut an. Aber die Jungs sollen sich keinen Druck machen. Der Weg ist für jeden geschrieben. Und so viele junge Spieler wie aktuell im Kader sind oder mittrainieren, gab es beim FC Bayern lange nicht mehr. Unser Trainer macht es sehr gut, sie alle einzubinden. Viele junge Spieler übernehmen nun auch mehr Verantwortung. Wir alle wollen noch viel gemeinsame Zeit erleben. Step by Step werden so neue Säulen aufgebaut.
Wo merkt man die verschiedenen Generationen besonders?
Bei mir gab es nie Facebook, bei uns gibt es Tik Tok (lacht).
Braucht es irgendwann dann auch ein neues Mia san mia?
Nein! Das Mia san mia soll bleiben, wie es ist. Wir jungen Spieler können mit diesen im Verein gewachsenen Werten viel anfangen. Diese DNA bleibt auch bei uns gleich.
Lennart Karl erlebt derzeit dasselbe wie Sie vor der EURO: Er hofft auf die erste Nominierung. Was würde er dem DFB-Team geben?
Kreativität, Bock auf Fußball, Unbekümmertheit, Überraschungsmomente. Enorm viel! Er ist einfach ein unglaublich guter Fußballer und tut jeder Mannschaft gut.
Wie sehr fiebern Sie auf Ihr erstes Turnier hin?
Ich hoffe sehr, dass ich nominiert werde. Die verpasste EM war einfach nur bitter, da mache ich kein Geheimnis draus. Jetzt eine WM zu spielen, ist mein Traum. Ich freue mich schon jetzt auf dieses Turnier im Sommer.
Mit welchen Zielen?
Mit dem Ziel, zu gewinnen! Ist doch klar!
Ist ein Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern nicht wahrscheinlicher?
Am schönsten wäre beides. Wir haben überall gute Chancen.
Darf man das Wort „Triple“ offen aussprechen?!
(schmunzelt) In den Medien wurde doch schon vor ein paar Wochen darüber gesprochen. Es wäre einfach nur fantastisch. Aber wir denken von Spiel zu Spiel – und jetzt an Dortmund.
INTERVIEW: HANNA RAIF