90 Minuten volle Intensität: Kompany in Dortmund. © Fantini/IMAGO
So sieht Meister-Jubel aus: Die Bayern verließen Dortmund nach dem 3:2 mit elf Punkten Vorsprung. Alle – außer sie selbst – sprechen vom Titel. © Koch/IMAGO
Dortmund – Man hatte die Fans des FC Bayern das gesamte Spiel kaum gehört. Aber als der Klassiker gegen Borussia Dortmund am Samstagabend um 20.31 Uhr abgepfiffen war, waren sie da. Neidisch blickte Vincent Kompany auf seine feiernden Spieler, die beflügelt von Freude und Erleichterung nach dem 3:2 (0:1) fast im Vollsprint den Weg zum Gästeblock im Signal Iduna Park auf sich genommen hatten. In solchen Momenten, sagte er später, wäre er gerne noch mal Profi und nicht Trainer. Aber Kompany ist eben Kompany, er drängt sich nicht rein – und genoss den „Mini-Titel“, wie er den Prestigeerfolg bezeichnete, für sich alleine.
Im Kopf des 39-Jährigen ging am Rande der Szenerie Vieles vor. Er dachte an die Partie, die in „Dynamik, Intensität und Ergebnis“ hochspannend gewesen ist. Er dachte an zwei Gegentreffer durch Nico Schlotterbeck (26.) und Daniel Svensson (83.) und drei eigene durch Harry Kane (54./70.) und Joshua Kimmich (87.). Er dachte an nun elf Punkte Vorsprung, die die Bayern auf dem Heimweg im Gepäck hatten. Aber er dachte – das gab er später mehrfach zu Protokoll – noch nicht an die Meisterschaft: „Sie dürfen zu einem bedeutsamen Sieg gratulieren. Aber zum Titel dürfen sie nicht gratulieren. Ab Montag steht es wieder auf Null.“
Der Bayern-Trainer meint das so, auch wenn der Rest der Liga inklusive „Verfolger“ BVB längst aufgegeben hat. Immerhin Kimmich sprach aus, was jeder dachte: „Das geben wir nicht mehr aus der Hand.“ Zehn Spiele verbleiben auf dem Weg zum 35. nationalen Titel, „wir wollen sie alle gewinnen, der Rest kommt dann von selber“, sagte Christoph Freund und verwies nicht ganz ohne Grund auf die 63 Punkte und 88 Tore, die der Rekordmeister jetzt schon gesammelt hat. Die Bestmarken liegen bei 88 Punkten (Bayern 2015/16) und 101 erzielten Treffern (Bayern 1971/72), inzwischen hat sie im Bayern-Kader jeder parat. Das ist auch gut – denn Kompany kitzelt seine Stars ab sofort genau mit diesen Zahlen.
„Wir können noch besser werden. Unser Ziel ist, die Grenze wieder höher zu machen“, sagte der Belgier und sprach die „schönen Dinge“, die in der Bundesliga heuer noch möglich sind, von selbst an. Er führte aus: „Wenn wir den Fokus voll behalten: Wer weiß, wie viele Tore wir noch schießen? Wie viele Punkte wir noch holen?“ Falls es jemand nicht verstanden hat: Nachlassen – wie einst nach gewonnenen Meisterschaften unter Pep Guardiola – ist unter ihm nicht erlaubt. Im Gegenteil: „Es gibt keinen Grund, eine Sekunde etwas anderes zu machen. Vielleicht sogar noch mehr.“
In der letzten nicht-englischen Woche soll es damit los gehen. Der „große Kampf“ (Freund) in Dortmund war spielerisch vielleicht keine Offenbarung. Aber „für die Mentalität, den Zusammenhalt sind solche Spiele wichtig“, sagte Kapitän Kimmich. Gegen ein „Top-Team“ wie Dortmund zurückzukommen, „schweißt zusammen“ – und wappnet für die K.o.-Spiele. In Bergamo will man in acht Tagen wieder feiern. Und Kompany als stiller Zuschauer von Titeln träumen, die eine andere Dimension haben. „Mini“ ist nicht seine Kragenweite.HANNA RAIF