Ex-Rennfahrer Hans-Joachim Stuck. © Kalaene
Er stand in der Formel 1 zweimal auf dem Podium. Er hat zweimal Le Mans gewonnen, war Langstrecken-Weltmeister und DTM-Champion. Vor Michael Schumacher war Hans-Joachim Stuck (75) Deutschlands erfolgreichster Rennfahrer – und der einzige, der nach Siegen gerne mal einen zünftigen Jodler losließ. Die neue Formel 1 mit Benzin-Elektro-Mix, die am Sonntag in Australien startet, findet „Strietzel“ weniger zum Jauchzen, wie er unserer Zeitung verrät.
Servus Herr Stuck, wie ist nach den Testfahrten Ihr Eindruck von der runderneuerten Formel 1?
Über allem steht natürlich die Aussage von Max Verstappen, dass ihm das Fahren mit den neuen Autos keinen Spaß macht – weil das eine bessere Formel E wäre.
Fernando Alonso hat gemeint, dass sogar der Team-Koch von Aston Martin dieses Auto fahren könnte.
Wundert mich nicht, dass die das sagen. Das sind Rennfahrer, die wollen nicht rekuperieren und die Batterie aufladen, damit sie auf der nächsten Geraden schneller sind. Das ganze Management mit dem Elektromotor, das ist die Formel E – aber nicht die Formel 1, der Gipfel des Motorsports.
Kann es sein, dass diese annähernde Fifty-Fifty-Aufteilung zwischen Verbrenner und Elektromotor ein Irrweg ist?
Für mich ist das nicht Formel-1-like. Wozu haben wir eine Formel E? Ich persönlich finde die Formel E super, weil sie den Motorsport in eine neue Richtung bringt. Damit kannst du in den Metropolen fahren – dort, wo die Fans sind. Du könntest ja nie in Rom oder Berlin ein Formel-1-Rennen veranstalten.
Sie sind also kein Benzin-Betonkopf, der partout am Verbrenner festhalten will?
Überhaupt nicht. Ich fahr selber einen Hybrid, das ist die perfekte Mischung. Nach Kitzbühel zum Semmelnholen geht’s elektrisch, ist doch klar.
Wegen der neuen Hybridmotoren müssen die Autos jetzt so kompliziert sein, mit verstellbarer Aerodynamik, mit Kurvenmodus, mit Überholmodus.
Entschuldigung, wenn ich das so sage – aber überholt wird in der Formel 1 nicht mit Flügel-auf-Flügel-zu, überholt wird mit dicken Eiern. Da geht es um Fahrer, die Gas geben, dass die Fetzen fliegen, ums absolut geile Fahren. Den Akku aufladen kannst am Handy, aber nicht im Formel 1.
Die Hersteller argumentieren mit der Nähe zur Serie, sie wollen ihre Elektroautos vermarkten.
Ich halte nichts vom Argument mit der Seriennähe. Top-Motorsport ist Show, ist Unterhaltung und zeigt, was technisch möglich ist. Es gibt ja auch heute noch Pferderennen, weil sie den Leuten Spaß machen – obwohl im normalen Leben niemand mehr mit dem Pferdl unterwegs ist.
Was trauen Sie Ihrem langjährigen Arbeitgeber Audi zu?
Bisher hat Audi überall gewonnen – ganz egal, was sie gemacht haben.
Auch mit Ihnen, als DTM-Meister 1990.
Auch mit mir, danke. Oder mit meinem Papi damals bei Auto Union. Die Konstellation mit Sauber und mit den eigenen Motoren ist top. Mit Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto haben sie zwei Super-Fahrer. Audi kann man zutrauen, dass sie innerhalb recht kurzer Zeit gut dabei sind. Aber für Siege oder mehr muss man ihnen schon drei Jahre geben. Wenn Audi kommt und gleich alles in Grund und Boden fährt, wären die anderen ja Kasperl.
Welche Formel-1-Fahrer machen Ihnen Spaß?
Natürlich Max Verstappen, als absolute Ausnahmeerscheinung. Ich kenne Telemetrieaufzeichnungen von Red Bull. Und ich habe noch nie gesehen, dass ein Fahrer über eine Renndistanz so konstant bei 100 Prozent fahren kann wie Max.
In der neuen Formel 1 muss er mit ungefähr 86 Prozent fahren.
Der wird schön sauer sein. Das ist für mich eine der spannendsten Fragen der Saison: Wie lange schauen sich die besten Autofahrer der Welt das an?
Das ist fast so, als ob man Usain Bolt gesagt hätte, dass er bei 90 Meter bremsen muss, weil ihm sonst der Laufschuh durchbrennt.
(lacht): So ungefähr kommt mir das vor. Aber die Fahrer sind natürlich Angestellte. Die müssen das machen, was ihnen aufgetragen wird. Das gilt auch für Max. Entweder er macht diesen Job, oder er muss es bleiben lassen. So wie ich Max Verstappen kenne, kann ich mir gut vorstellen, dass er irgendwann sagt, da habe ich keinen Bock mehr drauf, ich mach was anderes.
INTERVIEW: JÖRG HEINRICH