Bundestrainer Julian Nagelsmann: Es wird Entscheidungen geben, die nicht jeder gut findet. © Gambarini/dpa
Leon Goretzka (re.) hat seinen Platz im WM-Kader so gut wie sicher – viele Positionen sind aber noch offen. © Koch/Imago
München – Noch drei Monate bis zur WM in den USA, Kanada und Mexiko. Bei Julian Nagelsmann laufen die Planungen auf Hochtouren. In einem zweistündigen Interview mit dem „Kicker“ hat der Bundestrainer offen über seine Ideen gesprochen. Der 38-Jährige sieht im potenziellen WM-Kader, dessen Umrisse er für die Länderspiele im März zeichnen wird, mehr Probleme, als ein künftiger Weltmeister haben sollte. Der zweite Rechtsverteidiger hinter Joshua Kimmich, die Innenverteidigung, die Mittelfeldzentrale, der Neuner – alles offen. Unsere Zeitung gibt einen Überblick über die wichtigsten Aussagen und lässt sie von Sportpsychologe Matthias Herzog analysieren. „Das ist Psychologie auf offener Bühne“, sagt der Fachmann.
Nagelsmann über…
Kader-Entscheidungen: „Es geht darum, wer zusammenpasst. Dabei wird es Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit.“
Herzog: „Nagelsmann will Harmonie. Er will eine Mannschaft, die funktioniert. Keine Egos, kein Theater. Das ist verständlich. Aber Weltmeisterschaften gewinnt man nicht nur mit Harmonie. Man gewinnt sie mit innerem Hunger, Konkurrenzkampf und Gier.“
Leon Goretzka: „Stand jetzt wird er, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle haben wie in der WM-Quali. Weil er einer ist, der auch in den Sechzehner geht, der kopfballstark ist und eine gute Wucht mitbringt.“
Im Internet sind Fans ob der Quasi-Stammplatz-Garantie irritiert. Ihrer Meinung nach würde Anton Stach von Leeds das Profil, das sich Nagelsmann auf der Sechs wünscht, besser erfüllen. Über den England-Legionär sagte der Bundestrainer: „Er macht das dort sehr gut, ist aber auch nicht enorm kopfballstark und auch nicht der Top-Zweikämpfer, sondern ebenfalls einer, der das Spiel gerne vor sich hat.“
Fakt ist: Stachs Zweikampfwerte sind in der Liga sowohl am Boden (52 Prozent) als auch in der Luft (62%) besser als jene von Goretzka (49% und 38%).
Herzog: „Wenn Stach Woche für Woche in England performt und trotzdem kaum wahrgenommen wird, kann das innerlich etwas brechen. Das ist gefährlich. Nicht laut. Aber leise. Und leise Zweifel fressen Energie.“
Tor-Jubel: „Wenn ich sehe, ein Spieler schießt ein Tor und jubelt nicht richtig, dann ist das für mich ein Marker, dass da irgendwas nicht stimmt. Wenn du dich über ein Tor nicht mal mehr richtig freust, dann kannst du Fußball eigentlich sein lassen.“
Herzog dazu: „Gerade die aktuelle Nationalmannschaft besteht aus vielen eher ruhigen, introvertierten Typen. Daraus abzuleiten, dass fehlender Jubel ein Zeichen von inneren Problemen sei, greift zu kurz. Emotion muss echt sein. Sobald Spieler anfangen, sich zu verstellen, nur um dem Trainer zu gefallen, verlieren sie Authentizität.“
Künstliche Intelligenz: „Was ich selten mache, ist, Daten-KI zu nutzen, um eine Entscheidung damit zu treffen, sondern ich habe eine zu treffende Entscheidung und versuche diese aufgrund von Daten zu bestätigen.“
Herzog: „Julian Nagelsmann ist für mich ein Fußball-Schachspieler. Wenn er es schafft, Kopf und Herz zu verbinden, kann aus dieser Mannschaft etwas Großes entstehen.“PHILIPP KESSLER