Schweiß, Schmerzen, Scheitern

von Redaktion

Mythos Barkley Marathon: Auch dieses Jahr schaffte es kein Läufer ins Ziel

Per Bewerbungsschreiben qualifizieren sich die wenigen Teilnehmer des Ultramarathons.

Am Ende ihrer Kräfte: Jasmin Paris hat den Barkley Marathon gemeistert – als erste Frau überhaupt. © Instagram (2), Facebook

Wartburg – 14. Februar, sechs Uhr morgens im Frozen Head State Park, Tennessee, USA. Es regnet, der Boden ist schlammig, die Luft kalt. 40 Männer und Frauen stehen im Wald. Gleich startet der wohl härteste Wettkampf ihres Lebens – der Barkley Marathon. Seit 40 Jahren zeigt er seinen Teilnehmern schonungslos ihre Grenzen auf. Auch in diesem Jahr. Erneut hat kein Läufer das Ziel erreicht. Niemand schaffte mehr als drei von insgesamt fünf Runden. Was steckt hinter dem mysteriösen Extremlauf?

Im Juni 1977 brach James Earl Ray aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Tennessee aus. Mit fünf weiteren Gefangenen kletterte der 49-Jährige über die meterhohen Mauern. Ray war nicht irgendein Krimineller – neun Jahre zuvor hatte er Martin Luther King ermordet. Ray floh in die Wälder. 55 Stunden später nahm ihn die Polizei fest.

Der spektakuläre Ausbruch sorgte im ganzen Land für Aufsehen. Auch bei Gary Cantrell. Dem Extremsportler stach ein Detail ins Auge: Ray hatte in über zwei Tagen „nur“ 13 Kilometer zurückgelegt. Da geht mehr, dachte Cantrell. Und rief ein paar Jahre später den Barkley Marathon ins Leben.

1986 fand der Extremlauf erstmals statt. Bis heute ranken sich Mythen um ihn. Die Anforderungen? Knallhart! In 60 Stunden müssen knapp 160 Kilometer und 16 500 Höhenmeter bewältigt werden. Zum Vergleich: Der Mount Everest ist gut 8848 Meter hoch. Feste Wege oder Hinweisschilder gibt es bei diesem Marathon nicht. Die Läufer orientieren sich mit Karten oder Kompass. Im Gegensatz zu herkömmlichen Ultratrails müssen sich die Teilnehmer selbst versorgen. Trinkwasser gibt’s nur an zwei Stationen.

All das kann Extremläufer aus der ganzen Welt aber nicht abschrecken. Die wenigen Startplätze sind heiß begehrt. Sogar ein Bewerbungsverfahren gibt es. Das Prozedere ist kurios: In einem Aufsatz müssen die Bewerber rechtfertigen, wieso sie die Richtigen für den Wettkampf sind. Außerdem ist eine Gebühr von 1,60 US-Dollar fällig. Geschmacklos wird’s dann bei der Zusage. Wer es geschafft hat, erhält von Organisator Cantrell ein Kondolenzschreiben. „Ihre Teilnahme wird nichts weiter als eine Zeit von unaussprechlichem Leid sein“, stand mal in einem der Briefe.

Cantrell, der sich auch „Lazarus Lake“ nennt, wirkt mindestens so skurril wie sein eigener Wettkampf. Über den sagte er einmal: „Einige wünschen sich nur noch, dass sie lebend zurückkommen.“ Im Internet kursieren mehrere Fotos von ihm. Sie zeigen einen mittlerweile über 70-jährigen Mann. Mit ergrautem Rauschebart. Der Erfinder lässt es sich übrigens nicht nehmen, den Wettkampf selbst zu eröffnen. Wer auf einen Startschuss wartet – wartet vergeblich. Los geht’s, sobald Cantrell seine Zigarette angezündet hat.

In vier Jahrzehnten haben bislang nur 20 von über 1500 Teilnehmern den Lauf gemeistert. Umso höher ist einzuschätzen, was Brett Maune im April 2012 geleistet hat. In 52:03 Stunden absolvierte der US-Amerikaner alle fünf Runden – und schaffte es ins Guinnessbuch der Rekorde. Für Aufsehen sorgte 2024 auch Jasmin Paris. Die Engländerin überquerte nach 59:58 Stunden die Ziellinie. Als erste Frau überhaupt. „Ich dachte mir: Entweder werde ich ohnmächtig oder ich erreiche das Ziel.“TOBIAS SCHWANINGER

Artikel 1 von 11