„Die Formel 1 bleibt spannend!“

von Redaktion

Experte Christian Danner über den Saisonstart, neue Regeln und seinen Tipp für die Weltmeisterschaft

Das Maß der Dinge: Max Verstappen. © Qadri/dpa

Szenekundig: Danner begleitete die F1 für RTL. © imago

Der Winterschlaf ist vorbei. Die Formel 1 startet am Wochenende in Melbourne runderneuert in die neue Saison. Mehr Elektro-Power, aktive Aerodynamik und ein komplexes Energiemanagement verändern den Sport grundlegend. Ex-Formel-1-Fahrer und RTL-Experte Christian Danner ordnet die Regel-Revolution im Interview ein.

Herr Danner, welchen Eindruck macht die „neue“ Formel 1 auf Sie?

Das technische Reglement wirkt, gelinde gesagt, etwas merkwürdig. Man wollte um jeden Preis einen riesigen Elektro-Hybridanteil sicherstellen und hat dafür den Verbrennungsmotor im Vergleich zum Vorjahr bewusst geschwächt. Die Folge ist, dass den Autos Runde für Runde oft der Strom fehlt, wenn sie auf den Elektromotor zugreifen wollen – obwohl der rund 450 PS leistet. Das Ganze war sicher vom Zeitgeist geprägt. Heute würde man manche Entscheidungen vermutlich anders treffen.

Teilen Sie den Eindruck, dass vieles noch unrund wirkt?

Je tiefer man technisch einsteigt, desto wilder wirkt es. Aber die Ingenieure sind dabei, das mit Software, Regelstrategien und Energiefluss-Management in den Griff zu bekommen. Sie werden das so hinbekommen, dass es performance-relevant funktioniert.

Mit welchen Folgen?

Dass wir am Ende weiterhin eine spannende Formel 1 sehen werden.

Die Fahrer sind nicht glücklich. Kein gutes Zeichen vor dem Start, oder?

So würde ich das nicht sehen. Die Fahrer haben mit ihrer Kritik durchaus recht. Verstappen hat schon 2023 darauf hingewiesen, dass man am Ende der Geraden runterschalten muss, um Strom zu erzeugen. Damals wurde das abgetan. Jetzt sitzt er im Auto und erlebt genau das. Dass er das kritisch sieht, ist verständlich.

Alonso hat gewarnt, die „Rolle des Fahrers droht zu sterben“. Wird strategisches Denken wichtiger als pure Fahrkunst?

Nein. Das ist Unsinn. Fast alles ist programmiert. Es gibt Overtake- und Boost-Funktionen, deren Einsatz von den Ingenieuren vorgegeben wird. Der Fahrer kann eingreifen, aber er sitzt im Cockpit ja nicht vor einem Schachbrett. Die Software übernimmt den Großteil.

Welches Team wirkt vor dem Start am stärksten?

Mercedes wirkt sehr solide. Sie haben ihr wahres Potenzial vermutlich noch nicht gezeigt. Dahinter sehe ich McLaren und Red Bull Racing. Dann folgt eine Lücke, danach Ferrari und schließlich der Rest.

Beim Streit um das Verdichtungsverhältnis in den Motoren hat die FIA neue Messregeln festgelegt – aber erst ab Juni. Ist Mercedes der Konkurrenz bis dahin davongefahren?

So einfach ist das nicht. Niemand weiß genau, was die Konkurrenz macht. Ich halte das, was Mercedes offenbar getan hat, für regelkonform und harmlos – ganz anders als frühere Tricksereien anderer Hersteller. Sie haben die Regeln einfach konsequent zu Ende gedacht.

Bleibt Max Verstappen das Maß aller Dinge?

Ja. Verstappens Perfektion und Selbstbewusstsein kommen aus Erfolgen und Titeln. Daran wird sich kurzfristig wenig ändern.

Was trauen Sie Audi zu?

Audi hat deutlich besser ausgesehen als befürchtet. Sie sind zuverlässig gefahren, haben viele Kilometer gesammelt und gute Zeiten gesetzt. Bisher eine positive Überraschung.

Wie blicken Sie generell auf den F1-Zirkus im Vergleich zu früher? Geht es heute doch mehr um Show als um Sport?

Der Show-Anteil ist größer – durch Social Media und neue Zugänge. Unter Bernie Ecclestone war vieles verboten, heute wird Sichtbarkeit gefördert. Trotzdem bleibt der Sport das Herzstück. Ohne sportliche Substanz wäre die Show wertlos.

Wagen Sie einen Tipp? Wer wird Weltmeister?

Ich lehne mich aus dem Fenster und sage: George Russell.

INTERVIEW: JOHANNES OHR

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