Gedrücktes Schweigen: Irans Fußballerinnen während der Nationalhymne. © Hunt/dpa
Gold Coast – Sara Didar kämpfte mit den Tränen. „Natürlich sind wir alle besorgt und traurig wegen der Ereignisse in unserem Land und wegen unserer Familien und Angehörigen“, sagte die Stürmerin, die gerade mit dem Iran bei der Asienmeisterschaft spielt – während in der Heimat der Krieg tobt.
Selbst unter normalen Umständen wäre die Teilnahme von Irans Fußballerinnen bei dem Turnier in Australien schon etwas Besonderes, doch nach dem Ausbruch des Krieges in der Heimat ist die Aufmerksamkeit noch einmal größer geworden. Didar und Co. waren wenige Tage vor dem Start der Angriffe nach Australien gereist, mittlerweile bereiten sie sich auf das zweite Gruppenspiel gegen die Gastgeberinnen vor – während zu Hause im Iran nach dem Tod von Ayatollah Ali Chamenei 40 Tage Staatstrauer angeordnet wurden und Freunde und Familien in Gefahr sind.
Durch eine Internetsperre ist es für die Spielerinnen fast unmöglich, Kontakt in die Heimat aufzunehmen. Man sei „völlig von ihnen abgeschnitten“, sagte Trainerin Marziyeh Jafari am Mittwoch bei der Pressekonferenz vor der Partie gegen Australien am Donnerstag. Die Politik hatte zuvor schon vieles überlagert, zwei Spielerinnen waren aus Protest gegen das Regime zurückgetreten. Ein Vertreter des Asiatischen Fußballverbandes forderte nun, den Fokus aufs Sportliche zu richten.
Sich weitergehend zu äußern, ist ohnehin noch immer gefährlich. Zuletzt wurde bekannt, dass Rashid Mazaheri, der Torhüter des Männerteams verhaftet wurde. Mazaheri hatte auf Instagram Fotos von Ali Chamenei gepostet, mit dem Kommentar: „Deine Herrschaft über dieses heilige Land ist beendet.“ Wenig später machten Meldungen die Runde, Mazaheri sei wegen mutmaßlichen Betrugs vorgeladen worden. Chamenei wurde inzwischen getötet, Mazaheri ist offenbar noch immer im Gefängnis.
Der ehemalige Bayern-Profi Ali Karimi hatte schon im Januar einen Ausschluss der iranischen Nationalteams von internationalen Wettbewerben gefordert. In einem offenen Brief von insgesamt 20 Fußball-Persönlichkeiten hieß es: „Der Fußball als das einflussreichste soziale Phänomen der Welt darf angesichts von Hinrichtungen, Morden, willkürlichen Verhaftungen und Drohungen gegen Sportler nicht schweigen.“ Damals und heute hält sich die Fifa mit einer klaren Positionierung zurück. Doch die Frauen sind in Australien.
„Es ist eine schwierige Situation, und es ist wirklich mutig von ihnen, hier zu sein und anzutreten“, sagte die Australierin Amy Sayer: „Unser Mitgefühl gilt ihnen und ihren Familien.“ Trotz der „aktuellen politischen Lage“ und all „der Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben“, hätte die iranische Mannschaft schon im ersten Gruppenspiel gegen Südkorea „eine wirklich starke Leistung gezeigt“.
Dennoch verlor die Mannschaft von Jafari mit 0:3, Kapitänin Zahra Ghanbari und ihre Kolleginnen spielten wie üblich mit Kopftuch und in knöchellanger Kleidung. So will es das Regime, es beruft sich bei den Vorgaben auf Gesetze des Islam. Sittenwächter begleiten die Mannschaft in Australien. Auf den Tribünen skandierte eine Gruppe iranischer Fans während der Partie gegen Südkorea Parolen und schwenkte rot-weiß-grüne Fahnen, darunter war auch die Flagge aus der Zeit vor der Islamischen Revolution zu sehen. „Wir sind so froh, dass die iranischstämmigen Australier uns hier unterstützen“, sagte Jafari.
Das Team war nach Australien gereist, um „das Potenzial der iranischen Frauen“ zu zeigen, wie Jafari sagte. Ghanbari träumte gar von der Qualifikation für die WM 2027. „Wir wissen, dass es harte Spiele werden, aber wir haben eine starke Mentalität und wollen unser Bestes geben“, hatte sie bereits im Vorfeld des Turniers gesagt. Trotz allem. SID