„Wir zeigen, was möglich ist“

von Redaktion

Vom Küken zur Favoritin: Anna-Lena Forster vor den vierten Paralympics

Der erste Kaffee in Cortina. © Instagram

Und Abfahrt: Gibt es die nächste Medaille?

Noch ein Nickerchen, und dann geht es zur Sache.

„Ich bin entspannt und locker – ich hoffe, ich kann das beibehalten“, sagt Anna-Lena Forster vor dem Start der Paralympics. © Instagram

Mit 18 Jahren startete Anna-Lena Forster (30) bei den Paralaympics in Sotschi, nun steht die vierte Teilnahme bei den Spielen an. Viermal Gold, viermal Silber und einmal Bronze stehen bislang zu Buche. Unser Interview mit der Königin des Monoskis.

Frau Forster, als paralympische Sportlerin befinden Sie sich während der Olympischen Spiele in der unmittelbaren Vorbereitung. Wie viel Olympia lief bei Ihnen?

Es lief dauerhaft. Ich habe total mitgefiebert, denn ich kenne natürlich auch viele olympische Athleten. Und natürlich habe ich auch danach geschaut, wie die Piste aussieht und wie die Bedingungen sind. Die Vorfreude ist in diesen zwei Wochen noch größer geworden. Aber gegen Ende kam dann auch die Ungeduld (lacht).

Sie starten zu Ihren vierten Paralympics – sind Sie inzwischen einfach nur cool?

Ich würde sagen routinierter. Aber Packen stresst mich immer, das bleibt gleich und ist vielleicht typisch Frau (lacht). Bei uns paralympischen Sportlern kommt ja vor allem hinzu, dass die Einkleidung noch umgenäht werden muss. Meine Tante hat da einen regelrechten Näh-Marathon hinter sich, ich war mehrere Stunden bei ihr, bis überhaupt erstmal alles abgesteckt war. Die Schnittmuster der jetzigen Einkleidung sind sehr speziell. Alles ist weit geschnitten, das macht es nicht unbedingt einfacher für uns.

Das „Angler“-Cape der Eröffnungsfeier hat jeder noch im Kopf.

… und genau das ist als Rollstuhlfahrer nicht unbedingt einfach. Aber wir sind kreativ geworden und haben Lösungen gefunden.

Ist das Olympia-Kitzeln denn trotz aller Routine da?

Vor diesen Spielen war ich mir nicht sicher, ob es nochmal so kommen wird. Man denkt, man hat es schon durchgespielt – aber alle Paralympics haben irgendwie doch immer ihre Besonderheit. Das zeigt alleine meine Geschichte.

Mit 18 in Sotschi, mit 30 in Cortina.

In Sotschi war ich das Küken, beim ersten Mal ist alles noch mit vielen Emotionen verbunden. 2018 in Pyeongchang war klar, dass ich Gold holen kann. Dort habe ich es geschafft, aus dem Schatten von Anna Schaffelhuber zu treten. 2022 stand ich dann im Fokus, war Top-Favoritin, das war eine krasse Situation. Jetzt fühlt es sich wieder anders an. Ich bin entspannt und locker – ich hoffe, ich kann das beibehalten.

Hat das Material von vor zwölf Jahren noch irgendwas mit dem Monoski zu tun, den Sie heute fahren?

Nicht mehr viel. Damals bin ich mit dem Material gefahren, das ich bekommen habe. Ich hatte eine Sitzschale, die auf mich angepasst war, viel mehr nicht. Aber seitdem das FES eine Parasport-Sparte aufgemacht habe, haben wir wirklich nochmal richtig viel rausgeholt. Die Experten haben sich da extrem reingefuchst. Ein neues Feder-Dämpfer-System hat mich viel feinfühliger gemacht, von Gewichten im Monoski bis hin zur richtigen Sitzposition haben wir viel getestet. Welchen Effekt selbst marginale Änderungen führen können, ist faszinierend.

Sie starten als Gejagte. Wer macht Ihnen mehr Druck: Sie selbst oder die Öffentlichkeit?

Momentan kann ich mit beidem umgehen. Ich hoffe, das bleibt auch so (lacht). Dass die Konkurrenz stärker wird, ist auch mir bewusst. Bei uns ist alles sehr eng, es gibt auch immer wieder Wundertüten. Ich versuche, das schon im Vorfeld einzuordnen. Und ich weiß – auch wenn die Erwartungen groß sind –, dass es von Platz eins bis vier alles werden kann.

Was können Sie an den Spielen am meisten aufsaugen: Die eigene Topleistung? Das Zuschauer-Interesse? Pasta? Cappuccino?

Kaffee ist schon mal sehr wichtig (lacht). Auf den freuen wir uns sehr. Genauso aber auf die Stimmung im Ziel. Bei einem Weltcup haben wir selten Zuschauer – wenn die Tribüne voll ist, ist das etwas Besonderes für uns. Und wenn unter den Zuschauern dann auch die eigene Familie ist, ist es noch spezieller.

Der Vergleich zum olympischen Sport wird stets gezogen. Wird die Lücke aber kleiner?

Definitiv. Auch wenn wieder Kritik über die Förderung im Parasport aufgekommen ist, muss man sehen, woher wir kommen. Die Beträge der Sporthilfe wurden teilweise angeglichen, das ist ein großer Gewinn! Außerdem hatte ich die Möglichkeit, über das Zoll-Skiteam in der Spitzensportfördergruppe zu sein. Das ist ein Riesenschritt in die Professionalität. Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen, aber wir haben über die letzten zwölf Jahre schon sehr viel gewonnen.

Ist Social Media für Sie da ein Segen?

Social Media ist extrem wichtig für uns. Uns zu zeigen, den Menschen Mut zu machen, geht so natürlich leichter. Man muss aber schon viel Arbeit reinstecken.

Sie sagen, die Worte „Das geht nicht“ spornen sie am meisten an. Wie oft haben Sie sie in Ihrem Leben gehört – und wie oft gezeigt, dass es doch geht?

Sehr oft. Vor allem als Kind gab es oft Situationen, in denen ich nicht ernstgenommen wurde. Ich habe mir mit zwei Jahren schon den Handstand beigebracht, das war für mich immer ein „Move zum Flexen“ (lacht).

Der kam wahrscheinlich gut an.

Ich habe Handstände gemacht, wann immer es ging – und die Leute haben gestaunt, was alles möglich ist. Die Erfahrung hat mir gezeigt: Wenn ich dranbleibe, kann ich weiterkommen. Erst wenn ich etwas selber ausprobiert habe, kann ich sagen, ob es geht oder nicht. Ich will mir nicht von anderen sagen, was ich kann oder nicht kann. Ich habe oft gedacht: Euch zeig ich’s!

Schon Gedanken an ein Karriereende?

Je länger man dabei ist, desto mehr kommen einem die Gedanken, wie lange es noch geht, wie lange man es noch machen mag. Man sieht natürlich, was das Leben sonst noch alles zu bieten hat. Festlegen kann ich mich noch nicht. Nach Cortina wird noch nicht Schluss sein – ich schaue ab da aber von Jahr zu Jahr. Und manchmal sind auch vier Jahre schnell rum (lacht).

INTERVIEW: HANNA RAIF

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