Lange ein echter Angstgegner: Die Bayern spielten nie gerne gegen Gladbach. © Becker/dpa
Befreiung im Keller: Sander nach dem Union-Sieg. © dpa
Öfter gewonnen als verloren: Herrmann gegen die Bayern – hier Musiala. Über seine Bilanz sagt er: „Zufall kann es nicht sein.“ © IMAGO
Die Reise nach München tritt Patrick Herrmann mit an. Zwar ist der 35-Jährige bei Borussia Mönchengladbach nicht mehr auf dem Platz aktiv, sondern hinter den Kulissen im Sales-Team im Sponsoring. „Aber so ein Spiel schaue ich natürlich live“, sagte der Mann, der 420 Mal für Gladbach auflief, im Interview mit unserer Zeitung. Ein Gespräch über die besondere Beziehung zum FC Bayern – und die Ausgangslage vor dem Duell am Freitag (20.30 Uhr).
Herr Herrmann, Bayern gegen Gladbach – was ging früher vor diesem Spiel in Ihnen vor?
Da ist schon eine Grundnervosität da gewesen, weil es ein Bundesliga-Klassiker ist. Und wenn man gegen die beste Mannschaft in Deutschland und mit beste in Europa spielt, macht das was mit einem.
Was geht heute in Ihnen vor?
Es ist auf jeden Fall etwas entspannter geworden (lacht). Als Spieler hat man in der Vorbereitung Spielszenen gesehen, wusste, was auf einen zukommt. Da hat sich sukzessive Spannung aufgebaut. Die ist als Zuschauer weniger geworden.
38 Punkte und elf Tabellenplätze liegen zwischen Bayern und Gladbach: Gibt das die aktuellen Kräfteverhältnisse passend wieder?
Zahlen lügen nicht – das ist der aktuelle Stand. Bayern ist momentan ganz klarer Favorit in diesem Spiel. Und wir tun uns schwer in dieser Saison, das ist allen bekannt.
Immerhin: Es gab am Wochenende einen Befreiungsschlag beim 1:0 gegen Union. Ist die Woche in Gladbach deutlich angenehmer als die vielen sieglosen zuvor?
Definitiv. Ich dachte ja als Spieler, dass man schlechte Ergebnisse am Wochenende nur im Kabinentrakt spürt. Heute weiß ich aber, dass man Niederlagen im ganzen Verein fühlen kann. Genauso hat man nach dem Sieg gegen Union überall Erleichterung gespürt. Schon während der Partie war die Stimmung fantastisch, dieses Spiel wurde mit den Fans gemeinsam gewonnen. Deshalb war die Woche auch passend zum Frühling positiv.
Kommen die Bayern dann zur Unzeit – oder gerade recht?
Ich habe immer gerne gegen Bayern gespielt, große Aufgaben haben mich besonders gereizt. Und man muss in der aktuellen Konstellation auch sagen, dass wir nichts zu verlieren haben. Jeder weiß, dass es ein schwieriges Spiel für uns wird. Wir wollen gerne alle überraschen.
Ihre Rolle in diesem Duell kennen Sie: Wie fühlt es sich an, „Bayern-Experte“ zu sein?
Sehr gut (lacht), auch wenn ich nicht erklären kann, warum es gegen Bayern für mich so oft so gut lief.
Ihre Bilanz ist wirklich eindrucksvoll: 26 Spiele, zehn Siege, sieben Remis.
Kurz vor dem Karriereende hat mir ein Reporter gesagt, dass ich der aktive Bundesliga-Profi mit den meisten Siegen gegen Bayern bin. Jetzt sehe ich: Ich habe sogar öfter gegen Bayern gewonnen als verloren. Das ist eindrucksvoll. Und Zufall kann es auch nicht sein (lacht).
Aus eigener Erfahrung wissen Sie auch: Man kann sich gegen München in einen Rausch spielen – wie beim 5:0 im Pokal 2021.
Richtig. Damals war Gladbach auch nicht Favorit – aber das Momentum war auf unserer Seite. Ich habe auch danach mal mit einem Bayern-Spieler gesprochen, der gesagt hat: „Wir kommen echt ungerne zu euch.“ Gladbach als Angstgegner war schon auch in den Köpfen der Bayern. Ich erinnere mich auch gerne an ein 3:1 im Jahr 2012. Freitagabend, Flutlicht, Rückrunden-Auftakt, Riesen-Einschaltquoten. Ein geiles Spiel, zwei Tore von mir. Da kriege ich heute noch Gänsehaut.
Was muss passieren, dass das heute auch gelingt?
Es muss für uns ein Tag am Maximum sein. Man darf sich keine Fehler erlauben. Es wird für uns wichtig sein, extrem gut zu verteidigen und Nadelstiche nach vorne zu setzen. Dazu brauchen wir Willen, Mut, Leidenschaft. Vor allem in Phasen, in denen es schwerer geht, sind Basics und Grundtugenden gefragt. Das hört sich plump an, aber für einen Sieg in München bin ich auch bereit, ein paar Euro ins Phrasenschwein zu schmeißen (lacht).
Spornt es zusätzlich an, dass die ganze Liga jetzt auf Gladbach hofft? Wenn Bayern nicht bald verliert, rennt die Zeit weg.
Ich denke, die allermeisten inklusive mir sind sich sicher, dass Bayern Meister wird. Die sind zu konstant, um sich das noch nehmen zu lassen. Wir würden die drei Punkte gerne nehmen, aber selbst wenn Bayern ein Spiel verliert, wird diesbezüglich nichts mehr anbrennen.
Spannender als der Meisterkampf ist der Abstiegskampf. Schauen Sie aufs Rest-Programm?
Natürlich. Nächste Woche gegen St. Pauli können wir uns etwas Luft verschaffen. Denn jedem ist bewusst, dass in der Situation, in der wir uns befinden, auch der Kopf eine große Rolle spielt. Dann ist die fußballerische Klasse eher zweitrangig. Wir müssen selbstbewusst sein und dürfen keine Angst bekommen, dann läuft gar nichts mehr. Und für uns ist es ein Vorteil, dass wir drei Heimspiele gegen direkte Konkurrenten haben. Ich bin optimistisch.
Sie sprechen aus Erfahrung.
So ist es. Ich habe von Relegation bis Champions League alles mitgemacht – und bin auch daran gereift. Aber mein Werdegang zeigt auch, dass nach einem Tal auch wieder eine Hochphase folgen kann. Im Fußball kann es schnell gehen.
Es folgten glorreiche Zeiten, gemeinsam mit Marco Reus. War das blindes Verständnis wie heute bei Luis Diaz, Michael Olise und Harry Kane?
Wenn man diese besondere Bindung zueinander hat, weiß man, wo der andere steht, wie er sich bewegt, was zu tun ist. Man muss den Mitspieler in- und auswendig kennen. Für mich was das die schönste Zeit. Und wenn ich Bayern von außen betrachte, muss ich sagen, ich sehe das dort auch.
Staunt man selbst als ehemaliger Offensivspieler?
Definitiv. Das ist eine unglaubliche Klasse! Und eine Klasse, mit der Bayern auch in Europa gegen die meisten Teams Favorit ist – nicht nur gegen Gladbach (schmunzelt).
INTERVIEW: HANNA RAIF