Beflügelt von oben

von Redaktion

In Peking gewann Kazmaier mit 15 Jahren fünf Medaillen – Sport zuletzt nur Nebensache

Ausnahmesportlerin: Linn Kazmaier. © Büttner/DPA

Mailand – Mit 15 Jahren auf dem Olymp, urplötzlich in der Weltspitze und weitere Großtaten nur eine Frage der Zeit: Als der Stern von Linn Kazmaier bei den Winterspielen in Peking aufging, sagten nicht wenige der jüngsten Paralympicssiegerin der deutschen Geschichte eine goldene Ära voraus. Doch das Schicksal spielte nicht mit.

„Es hat sich in den vier Jahren viel getan“, erzählt die sehbehinderte Biathletin und Skilangläuferin vor ihrem Paralympics-Auftakt im Biathlon-Sprint am Samstag in Norditalien. Ende November 2024 verstarb Kazmaiers Vater an Krebs, kurz nach ihrem 18. Geburtstag. „Gerade davor ging es sportlich ziemlich bergab“, sagt Kazmaier, und noch immer sei es „eine sehr schwere Zeit für mich“.

Papa Falk war stets an ihrer Seite. Nach den Spielen in China ließ Kazmaier bei den Weltmeisterschaften 2023 und 2024 insgesamt sieben Goldmedaillen folgen, ihr Vater war wie fast immer dabei, dann schlug der Krebs zu. Eine weitere paralympische Medaille wäre ihm gewidmet: „Auf jeden Fall“, betont Kazmaier.

Bei einem Rennen sei es „besonders schwer“ gewesen, erinnert sie sich: „Ich war kurz davor aufzugeben, bin dann aber ins Ziel gelaufen. Ich habe gespürt, dass er irgendwie zuschaut und trotzdem stolz auf mich ist.“ In der Trauer half Kazmaier der Sport, aber vor allem die Musik. Die 19-Jährige spielt Gitarre und singt, ihre Gefühle verarbeitete sie in einem Lied. „Ich habe es auch bei der Beerdigung in der Kirche vorgespielt“, verrät die Schülerin.

Sportlich fand Kazmaier zurück, von ihrer Topform ist sie allerdings noch etwas entfernt. Ihre Startklasse ist umkämpft, neben Paralympicssiegerin und Freundin Leonie Walter sowie Deutschlands Para Sportlerin des Jahres Johanna Recktenwald ist auch die internationale Konkurrenz stärker geworden.

Wettkämpfe, bei denen alle Athletinnen dabei waren, gab es in diesem Winter kaum. Auch Kazmaier musste Weltcups auslassen, nach den Paralympics stehen die Abitur-Prüfungen an. Eine Eins vor dem Komma wäre „schon schön“, sagt die Athletin der Skizunft Römerstein. Auch in Tesero ist das Tablet mit den Lernunterlagen dabei. „Aber ob ich wirklich lerne, weiß ich noch nicht genau“, sagt sie und lacht. Trotz all dem Schulstress gewann Kazmaier den Gesamtweltcup im Skilanglauf, ein Mutmacher, mehr allerdings nicht. „In meiner jetzigen Form versuche ich, die besten Rennen abzuliefern und dabei Spaß zu haben“, sagt Kazmaier, die in Peking Gold im Skilanglauf über die Mitteldistanz sowie dreimal Silber und einmal Bronze gewann.

Als „Weltnaturtalent“ bezeichnete Friedhelm Julius Beucher, damaliger Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, die in Peking noch 15-Jährige. Vier Jahre später schraubt sie ihre Ambitionen etwas herunter: „Unter die Top fünf zu kommen, ist mein Ziel. Eine Medaille wäre richtig schön, aber es ist die Frage, ob ich das schaffe.“ Ganz oben wird so oder so gelächelt.DPA

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