Der Schnellste vom Freitag: Oscar Piastri. © Keep/AFP
Debüt im Audi: Nico Hülkenberg. © Putnam/dpa
Melbourne – Worte holen einen manchmal ein. Bei Audi trifft ein Zitat des alten Goethe zu: „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los“. Audis Geist ist der vor Jahrzehnten geprägte Werbespruch „Vorsprung durch Technik!“, den Audi-Verantwortliche seit der Markteinführung des Allradantriebs vor mehreren Jahrzehnten immer wieder gerne zitieren. Im ersten Jahr des Einstiegs in die Königsklasse des Automobils muss Audi jetzt beweisen, dass es im Haifischbecken Formel 1 nicht schnell sarkastisch heißt: „Rückstand durch Technik!“
Fest steht: Die Luft ist dünn in der Formel 1. Audi muss mit dem Image leben, das deutsche Premiumhersteller in der Königsklasse haben: Deutschland ist das Land des Automobils, der technischen Innovationen. Deshalb wird Audi in seiner ersten Saison als Werksteam nicht mit üblichen Standards gemessen. Audi-CEO Gernot Döllner hat deshalb auch klare Ziele für das Formel-1-Projekt des Konzerns gesetzt. Bis 2030 will man F1-Weltmeister werden.
Was den Druck nicht verringert: Im Cockpit des Silberpfeils mit den vier Ringen sitzt mit Nico Hülkenberg der einzige deutsche Stammfahrer im Feld. Für ihn ist Melbourne der Startpunkt eines Projekts, das er bereits seit letztem Jahr als Sauber-Stammfahrer begleitet. Die Erwartungshaltung ist extrem groß. Ex-Formel-1-Fahrer Marc Surer legt die Latte dementsprechend hoch: „Audi sollte in der Lage sein, auf Anhieb in die Punkte zu fahren. Ich erwarte, dass sie einen Antriebsstrang bauen, der sofort funktioniert.“ Surers Analyse basiert dabei auf dem Fluch der guten Tat. Konkret meint er: Ob Formel E, Langstrecken-WM, DTM oder der Rallye Paris-Dakar, hieß es früher oder später: Wenn Audi teilnahm, waren sie am Ende auch vorn.
In der Formel 1 haben sich die Ingolstädter bei den ersten beiden Trainings ordentlich präsentiert, rangieren im Mittelfeld in der Nähe der Top-10 – und sind dem Augenschein nach zuverlässig. Das ist zum Start einer neuen Ära nicht selbstverständlich, siehe Aston Martin: Fernando Alonso befinde sich angesichts des Motoren-Dramas mittlerweile „in einer schwierigen mentalen Verfassung“, ließ Teamchef Adrian Newey wissen. Das Problem ist der neue Honda-Motor. Die starken Vibrationen könnten gar zu Nervenschäden in den Händen der Fahrer führen. Am Freitag bildete Aston Martin dann das abgeschlagene Schlusslicht, mit einem Rückstand von rund fünf Sekunden ist derzeit gar fraglich, ob die Piloten überhaupt die nötigen Rundenzeiten für eine Rennteilnahme erreichen können.
Vorne setzte der Lokalmatador Oscar Piastri (McLaren) die erste Marke. Doch auch Ferrari, Mercedes und Verstappen (Red Bull) wirkten auf der Höhe. Einen Favoriten für den Sieg beim Saisonauftakt am Sonntag (5 Uhr/Sky) lässt sich kaum ausmachen.
Die Fortschritte waren von Runde zu Runde recht groß, die Fahrer tasteten sich sichtbar an die optimale Taktik für eine schnelle Runde heran. Im Qualifying am Samstag (6 Uhr/Sky) wird‘s zum ersten Mal ernst.RALF BACH, SID