Und tschüss: George Russell fuhr der Konkurrenz beim ersten Rennen in Melbourne davon. © Carrett/Haider/EPA
Melbourne – Chassis, Verbrennungsmotor oder Elektroantrieb? Nach dem überlegenen Doppelsieg von Mercedes beim GP von Australien fragt sich nicht nur die Konkurrenz, in welchem Bereich der große Vorteil der „Silberpfeile“ liegt? „F1Technical“, eine australische Seite, die sich nur auf Technik und Auswertung von Daten konzentriert, fand heraus: Den größten Vorsprung durch Technik hat Mercedes im Bereich des Energiemanagements beim Elektroantrieb, der nach den neuen Regeln 2026 die Hälfte des Schubs ausmacht.
Besonders im Qualifying wurde das deutlich: Die Telemetriedaten, insbesondere die Daten der Hochgeschwindigkeitsfahrt in Kurve 8, zeichnen das Bild eines Teams, das die neuen Antriebsregeln besser beherrscht als alle seine Konkurrenten. Im Geschwindigkeitsvergleich erreichte Mercedes mit 327 km/h durchweg den größten Topspeed – ein Wert, den keiner der anderen Hersteller erreichen konnte.
Noch aussagekräftiger ist die Art und Weise, wie die Mercedes-Antriebseinheit ihre Geschwindigkeit bis zum Erreichen des Clipping-Punktes – die Phase, in der am Ende einer Geraden eine Art Gegenschub eingesetzt wird, um die Batterien wieder zu laden – beibehielt. Die Daten von Mercedes zeigen einen geringeren und späteren Abfall der Leistung als bei den meisten Konkurrenten. Dies deutet auf eine effizientere Batterienutzungsstrategie und eine überlegene Energierückgewinnung hin, wodurch die Fahrer höhere Geschwindigkeiten bis weit in die Gerade hinein beibehalten können.
Im Gegensatz dazu wiesen sowohl die Red Bull Powertrains-Einheit als auch die Audi-Antriebseinheit ein merklich größeres Clipping-Delta auf und verloren ihre Geschwindigkeit früher und abrupter. Ferraris Daten waren uneinheitlich: Charles Leclercs Fahrt zeigte einen deutlichen Leistungsabfall, während Oliver Bearmans Ferrari-betriebener Haas einen wesentlich geringeren Geschwindigkeitsverlust aufwies. Dies deutet auf unterschiedliche Setups zwischen Werks- und Kundenteams hin.
Auch Honda, der den Aston Martin antrieb, schien Probleme mit der Energieverteilung zu haben und verzeichnete vor Kurve 8 einen der größten Geschwindigkeitsverluste.
Der Geschwindigkeitsvergleich der Fahrer unterstreicht den Vorteil von Mercedes zusätzlich. George Russells Kurve liegt konstant über der seiner Konkurrenten, nicht nur hinsichtlich der maximalen Höchstgeschwindigkeit auf gerader Strecke, sondern auch in der Stabilität seines Geschwindigkeitsverlaufs. Die Daten lassen darauf schließen, dass Mercedes nicht nur einen leistungsstarken Verbrennungsmotor entwickelt, sondern auch eine hocheffektive Integration der Hybridsysteme erreicht hat. Heißt: Ihr Akku scheint die Energie effizienter zu liefern.
Experten wie Franz Tost haben ein Déjà-Vu-Erlebnis. Auch 2014, bei der letzten großen Regelrevolution auf dem Antriebssektor, waren die Silberpfeile die ersten drei Jahre nahezu unschlagbar. „Jetzt scheint es genauso“, sagte der Ex-Teamchef gegenüber unserer Zeitung: „Es wundert mich aber nicht. Dieses komplizierte Antriebsreglement ist für einen High-Tech-Automobilkonzern wie auf den Leib geschneidert.“RALF BACH