Edelreservisten: Niederlechner (l.) und Verlaat. © Christ/Imago
München – Es laufen die letzten Minuten im Sportpark Höhenberg. Die Viktoria aus Köln drückt auf den Ausgleich, die nächste gefährliche Flanke segelt in den Strafraum der Münchner Löwen. Ein Verteidigerbein ist dazwischen, die Situation geklärt. Jesper Verlaat brüllt seine Freude heraus, feiert die Rettungsaktion und klatscht Max Reinthaler & Co. ab. Doch der Kapitän trägt anders als seine Kollegen nicht das cremefarbene Auswärtstrikot der Sechzger. Stattdessen muss Verlaat zum vierten Mal über 90 Minuten von draußen mitfiebern, wie die Löwen auch diesen knappen Vorsprung über die Zeit bringen. Der etatmäßige Kapitän hat sich zum Edelreservisten entwickelt – und an dieser Rolle dürfte sich so schnell auch nichts ändern.
Vor dem Saisonstart im Sommer strotzte der 29-Jährige nur so vor Selbstvertrauen, betonte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich befinde mich in meiner Primetime.“ Und der damalige Abwehrboss lieferte ab, erlebte einen starken Auftakt in die Spielzeit.
Der Schock in Rostock
Dann der Schock in Rostock: Als sich Verlaat Mitte September im hohen Norden eine schwere Muskelverletzung zuzog, rangierten die Sechzger auf einem direkten Aufstiegsplatz, danach begann der Absturz. Als Verlaat im Dezember auf den Trainingsplatz zurückkehrte, war alles neu beim Löwen: Neuer Trainer, neuer Geschäftsführer – und vor allem neuer Defensivchef. Reinthaler entpuppte sich als der große Gewinner der Personalsituation, avancierte zum unumstrittenen Stammspieler.
Seit rund einem Monat ist Verlaat nun wieder Teil des 1860-Kaders. Weitere Spielminuten kamen nicht dazu. Das Credo Kauczinskis: Gute Leistungen werden belohnt. Bedeutet, dass große Namen wie Verlaat oder Flo Niederlechner weiter zuschauen müssen. Und auch als in Köln mit Raphael Schifferl der rechte Part der Dreierkette ausfiel, schlug nicht die Stunde des Kapitäns. Stattdessen schmiss Kauczinskis Neuling Lasse Faßmann ins kalte Wasser. „Jesper war für mich kein Thema, weil er kein Rechtsverteidiger ist, sondern ein zentraler Mann“, erklärte Kauczinski.
Doch der Löwencoach machte auch kein Hehl daraus, dass ein Startelf-Einsatz für Verlaat wohl noch zu früh gekommen wäre: „Jesper hat im Aufbau noch kleinere Wehwehchen. Zudem fehlt ihm der Rhythmus.“ Bleibt die Frage: Wo und wann soll der Niederländer diesen bekommen? Zehn Ligaspiele (plus zwei mögliche Partien in der Relegation sowie im Totopokal) stehen noch aus in dieser Saison. Läuft es weiter nach Plan, geht es für die Löwen in den letzten Aufgaben um viel. Platz für Experimente gibt es nicht. Im Sommer endet Verlaats Vertrag in Giesing, sportlich kann er sich derzeit kurz vor seinem 30. Geburtstag nicht wirklich für eine Verlängerung empfehlen. Sollte das Kapitel 1860 für Verlaat nach der Saison enden, wäre es ein trauriger, ja fast unwürdiger Abschied für eine der wenigen Identifikationsfiguren der Sechzger in den letzten Jahren.MARCO BLANCO UCLES